Die Werke des Horaz, Ansbach 1773 (Rezension)
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[Christian Felix Weiße]: Die Werke des Horaz, aus dem Lateinischen übersetzt: Erster Theil, welcher die Oden enthält. Anspach 1773. (Rezension). In: Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste. 16. Band, 1. Stück. Leipzig: Dyck 1774. S. 95-101.

[Faksimile dieser Rezension hier.]

<Seite 95:>

VIII.

Die Werke des Horaz, aus dem Lateinischen übersetzt: Erster Theil, welcher die Oden enthält. Anspach 1773.

Kein Dichter des Alterthums ist wohl in irgend einer neuern Sprache so oft, und auch zum Theil so gut, nachgeahmet und übersetzt worden, als Horaz. Die Ursache liegt, ausser seiner Vortrefflichkeit, wohl darinnen, weil er unter den Römern, so wie Anakreon unter den Griechen, derjenige ist, der sich mit dem Geschmacke und den Sitten unserer Zeiten am besten zu vertragen scheint. Freylich gewinnt ein Dichter selten durch Uebersetzungen, und es giebt leider zu wenig Männer von eignen großen Talenten, zu wenig Ramler und Pope, die sich damit abgeben mögen. Auch ist es insgemein eine sehr undankbare Arbeit. Den vortrefflichsten Uebersetzungen, die sich wie Originale lesen lassen, sieht man es gerade am wenigsten an, wie viel Schweiß sie dem Uebersetzer gekostet haben, und der ganze Lohn seiner Arbeit ist oft der, daß muthwillige oder eitle Kunstrichter über kleine Fehlerchen und Abweichungen, die sie sorgfältig aufsuchen, ein großes Geschrey erheben, und weil ihnen einzelne Stellen nicht gefallen, einen unbilligen Richterstab über das Ganze brechen. Wir wollen nicht so undankbar gegen die vor uns habende prosaische Uebersetzung des Horaz seyn. Sie wird in der Absicht geliefert, Leser, die <Seite 96:> der Sprache des Originals nicht kundig sind, ganz mit dem Genie, den Wendungen, dem Ausdrucke des Horaz bekannt zu machen, und ihn ohne alle Veränderung ganz so zu zeigen, wie er ist; in so weit nemlich dieses ohne Harmonie des Verses geschehen kann. Eine solche Uebersetzung erfodert nun vor allen Dingen die sorgfältigste Treue. Da inzwischen das Edle des Ausdrucks nicht bloß von der Hauptidee, die er bezeichnet, sondern auch von den mitverbundnen Nebenideen abhängt, die fast in jeder Sprache verschieden sind; da der häufige Gebrauch im gemeinen Leben ein Wort von seinem unsprünglichen Werthe herabsetzt, und dieses bloß auf das Ungefehr des Sprachgebrauchs ankömmt, so wird ein Uebersetzer deswegen nicht gleich der Untreue schuldig, wenn er nicht allenthalben mit den eigentlichsten Wörtern und Redensarten, oder wenn er den im Original kurzen, aber in der wörtlichen Uebersetzung gedehnten Ausdruck, mit einem andern kürzern vertauschet. Man weiß, daß treu übersetzen von Rechtswegen nichts anders heißt, als eines Verfassers Ideen so in seiner Schrache ausdrücken, wie er sie selbst würde ausgedrückt haben, wenn er in dieser Sprache geschrieben hätte. Diese Treue aber glauben wir hier gefunden zu haben, und noch immer kennen wir in Prosa keine bessere Uebersetzung vom ganzen Horaz, die wir dieser vorziehen möchten. Wir behaupten deswegen nicht, daß mancher Ausdruck, manches Wort, manche Redensart nicht noch genauer, noch gewählter hätten seyn können, daß sich manche Ode, manche <Seite 97:> Stelle nicht noch besser hätte übersetzen lassen: aber im Ganzen genommen, sehen wir diese Uebersetzung immer als ein schätzbares Geschenk für das deutsche Publikum an; und wer will den Grad bestimmen, von dem, was in dieser Art nicht noch besser seyn könnte.

Wir haben sie durch und durch gelesen, und es würde ein Leichtes gewesen seyn, so gut als andere, die lieber tadeln als loben, ein Verzeichniß von Wörtern heraus zu martern, wo wir den Ausdruck einer Verbesserung für fähig gehalten hätten. Wir wollen nur etliche solcher Kleinigkeiten hersetzen, wie sie uns in die Augen fallen. Gleich in der ersten Ode heißt es:

Sunt quos curriculo puluerem olympicum
Collegisse juuat etc.
Hunc, si mobilium turba Quiritium etc.

Manche haben ihre Freude daran, im Wettrennen mit Olympischen Staube bedeckt zu werden etc. Dieser hat seine Freude daran, wenn Roms wankelmüthige Bürger etc. Wir würden es lieber kürzer und nachdrucksvoller gegeben haben: Diesen freut es, im Wettrennen u. s. w. jenen, wann Roms u. s. w.

Im 1. B. Ode 9. ist Gratus puellae risus ab angulo gegeben: Durch das Lachen, dadurch sich ein Mägdchen aus einer tiefen Ecke verräth: Besser hätte für Ecke, Winkel gestanden.

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In der 15ten Ode des 1sten Buchs:

Pastor cum traheret per freta nauibus
Idaeis Helenam perfidus hospitem,
Ingrato celeres obruit otio
ventos vt caneret fera
Nereus fata.

Als auf Idäischen Schiffen der treulose Hirt des Gastfreundes Gattin, Helenen durch die Meere dahin führete: hat Nereus u. s. w. Hier scheint uns der Uebergang vom Imperfecto ins Perfectum ein wenig hart, und es würde beydes richtiger und wohlklingender seyn, wenn die Erzählung im Imperfecto fortgienge, als welches im Deutschen das eigentliche Tempus für die Erzehlung ist.

Bd. 1. 3.

Nauis, quae tibi creditum
Debes Virgilium, finibus Atticis
Reddas incolumem.

Gieb den dir anvertrauten Virgil unversehrt wieder heraus, an den Attischen Gränzen etc. vielleicht bloß gieb ihn – den Attischen Gränzen zurück.

Bd. 1. 4. Soluitor acris hyemas grata vice veris et Fauoni etc. Den strengen Winter lösen itzt Zephyr und Frühling ab, mit angenehmen Wechsel. Wir würden mehr den Worten des Originals gefolget seyn: weil darinnen ein Bild von der Wirkung der wärmern Luft auf das erstarrte Erdreich enthalten.

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Neque jam stabulis gaudet pecus etc. Schon will das Vieh nicht mehr in Ställen bleiben: das Wort gaudet ist poetischer.

Iam Cytherea choros ducit Venus imminente Luna,
Iunctaeque Nymphis Gratiae decentes
Alterna terram quatiunt pede etc.

Schon führt Cytherens Göttin Reihen an im Gesichte des Mondes und die holden Grazien stampfen mit den Nymphen zur Erde mit wechselnden Füssen: Uns würde es besser scheinen: »Schon führt die Cytherische Venus beym Lichte des Monden die Reihen; und die bescheidenen Grazien, vereint mit den Nymphen, stampfen mit wechselndem Fuße die Erde.« Ueberhaupt möchte diese Ode ausser den letzten vier Versen einer kleinen Verbesserung, auch in Absicht des Wohlklangs bedürfen.

1. Ode 8.

Iam liuida gestat armis
Bracchia.

Er zeigt von Waffen braune Arme, der Ausdruck ist ein wenig zweydeutig und man erräth nicht gleich, daß es Arme sind, die die Waffen braun gedrückt, oder wie man sagt, die davon mit Blut unterlaufen sind: vielleicht hätte sich für gestat ein poetischer Wort, als Er zeigt, finden lassen.

1. Ode 13.

Cum tu, Lydia, Telephi
Ceruicem roseam, cerea Telephi
Laudas brachia etc.

Wenn du, Lydia, des Telephes weissen Hals, des Telephus runde Arme lobst: Sollte nicht cerea durch weiche Arme besser ausgedrückt werden?

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1. Ode 27.

Quo beatus
Vulnere, qua pereat sagitta.

Welche Wunde, welche Pfeil' ihm süsse Schmerzen machen. Das Pereat ist weit rührender. Von welcher süssen Wunde, von welchem Pfeil er stirbt.

Quanta laborabas Charybdi.

In was für eine Charybdis bist du gerathen. Das Laborare sich zerarbeiten, sich martern, ist ebenfalls im Original weit malerischer.

Einzelne Wörter und Ausdrücke würden wir uns vielleicht bemüht haben, einige poetischer, kürzer oder genauer zu geben: als B. 1. Ode 24. Robur et aes triplex circa pectus, ein Felsenherz. Charum Caput, lieber Freund: oder zu Ende dieser Ode: Quidquid corrigere est nefas. Was nicht zu ändern ist: oder B. 3. Ode 26. Vixi puellis nuper idoneus. Noch jüngst taugte ich für Mägdchen: oder B. 3. Ode 3. Tenacem propositi virum den, der standhaft auf seinen Vorsatz hält, u. d.

Aber nun; Sind alle solche Kleinigkeiten, worinnen nicht etwan der Sinn verfehlt ist, werth, eine Uebersetzung zu verwerfen, die im Ganzen so getreu und gut ist, und ganze Stellen eben so schön übersetzt liefert? Man lese ganze lange und schwere Oden hindurch, und man urtheile, ob die Uebersetzer nicht Männer sind, die ihren Horaz verstehen und ihre eigene Sprache in der Gewalt haben? Man bedenke, daß <Seite 101:> 120 Oden zu übersetzen waren, und daß es beynahe eine unbillige Foderung ist, sie alle gleich schön und ohne alle kleine Flecken zu verlangen. Diese nach und nach zu vertilgen, fodert viel Zeit, viel Nachdenken, viel Mühe. Unser Geist ist nicht immer in der Verfassung, daß er gerade das eigentlichste, angemessenste Wort, das den ganzen Sinn des Originals erschöpft, finden kann; oft haben wir keines in der Sprache, das ihn völlig ausdrückte, und oft bringt uns nach wiederholtem Lesen ein bloßes Ungefähr drauf. Unser Ramler, in dem sich so viel Geist und kritische Mühsamkeit vereiniget findet, ist ein Beweis, wie oft er sich mit jeder Ausgabe selbst bessert. Wir wünschen den Uebersetzern wiederholtere Ausgaben, und sind überzeugt, daß sie aus ihrer guten prosaischen Uebersetzung mit der Zeit, noch eine bessere, eine vollkommen gute machen werden. Wir sehen dahero auch dem zweyten Theil ihrer Uebersetzung mit Vergnügen entgegen. Hätten wir etwas gewünscht, so wären es kleine Anmerkungen und Erläuterungen der häufigen Anspielungen auf die Götter und Heldengeschichten gewesen, die die Absicht einer solchen für Ungelehrte, oder auch für nicht hinlänglich Gelehrte, die durch sie das Original besser wollen verstehen lernen, bestimmten Uebersetzung beynahe unentbehrlich macht.


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