Brawe Ressourcen. Brutus-Fragment aus »Leßings Theatralischem Nachlaß« (1786)
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Gotthold Ephraim Lessing [d. i. Joachim Wilhelm von Brawe]: Brutus. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen [Fragment]. In: Gotthold Ephraim Leßings Theatralischer Nachlaß. Hrsg. von K. G. Lessing. Zweyter Theil. Berlin: Christian Friedrich Voß und Sohn 1786. S. 155-186 sowie Vorrede S. III-XLVI, hier S. XXVI-XXVII.

[Zum Status dieses Fragments vgl. Sauer 1878, S. 122-127; F. F.]

<Seite XXVI:>

[...]

Brutus. Zu diesem Fragmente habe ich auch nichts finden können, was einem Plane ähnlich sähe. Selbst der Tittel ist nicht von meinem Bruder. Mit eigener Hand hat er nur den ersten bis fünften Auf- <Seite XXVII:> tritt des ersten Akts sehr reinlich und deutlich auf zwey Bogen geschrieben. Was ich von dem 5ten Akte hier liefere, hat eine andre Hand geschrieben; und irre ich, wenn ich es gar nicht für seine Arbeit halte? Ich brauche wohl kaum zu erinnern, daß dieser Brutus, Marcus Junius Brutus ist, und mit dem Junius Brutus in dem befreyten Rom nicht zu verwechseln.

[...]

<Seite 155:>

Brutus.


Ein Trauerspiel
in fünf Aufzügen.

<Seite 157:>

Erster Aufzug.


Erster Auftritt.

Brutus (nach einem tiefsinnigen Stillschweigen.)
Welch schreckendes Gesicht! – Ihr Götter! – Rom,
Rom weissagt euer Grimm den Untergang?
Unglücklich Vaterland! Umsonst versprach
Dir Zeus Unsterblichkeit; umsonst siegtst du –
Wie? Brutus bebt? Ein Traum, ein leicht Geschöpf
Der Nacht, erschüttert den, den eine Welt,
Die Cäsarn schützte, nicht zu beben zwang?
<Seite 158:>
Doch ist die Furcht nicht Ruhm? nicht Pflicht? wenn Rom
Bedrohet wird; droht auch nur ein Phantom. –
Und naht er nicht, der fürchterliche Tag,
Der, königliches Volk, dein hoh Geschick
Entscheiden soll? Ja heute wird – Zürnt nicht,
Ihr Helden Roms, die ihr auf dieses Heer
Von dem Olymp beschützend seht – zürnt nicht,
Wenn die Erwartung mich mit Schauder füllt! –
Frey, oder als den Sklaven des Antons,
Umhüllt die künftige Nacht den Kreis der Welt!
Verhaßter Tag, selbst wenn die Freyheit siegt.
Auf Roms Ruinen eilt sie zum Triumph;
Es strömt von Römer Blut ihr Siegsgewand –
Von Römer Blut? – O Graun! O Tag! o Rom! –

<Seite 159:>

Zweyter Auftritt.

Messala. Brutus.

Nun, Brutus, ist er da, der große Tag,
Der Rächer Roms; von Ungewittern schwer
Für Frevler, für Antons; für dich voll Glanz
Und voll Unsterblichkeit. Entfesselt jauchzt
Der Erdkreis dir nun bald, dir seinem Held,
Erretter, Rächer zu. Voll Ungeduld
Bewafnet sich dein Heer und fordert Streit.
Ich komme, den Befehl – doch wie? bestürzt
Umwölkt von Schwermuth seh ich dich? – du schweigst?

Brutus.
Sprich Freund, du sahst das Heer; von welchem Geist
Entflammt? –

Messala.
Vom Geist der Freyheit und des Muths!
Rom, Rom herrscht nur in ihm. Noch liegt die Nacht
<Seite 160:>
Verbreitet um die Tapfern her, als schon
Vom kriegrischen Getös das Feld erbebt;
Gerüstet, Glut und Sieg auf ihrer Stirn,
Versammlen sie um ihre Führer sich,
Voll Unmuth, daß der zweifelhafte Tag
Noch mit den Schatten kämpft. Ihr Heldenmuth
Thürmt der erhöheten Gefahr sich stolz
Entgegen. – Und ihr Haupt, – vergieb mir, Freund –
Ihr Haupt scheint sich nicht gleich; nicht Brutus mehr.
Ihr Schifbruch naht der Freyheit, wenn dein Herz
Bezwungen sinkt, und groß zu seyn verlernt.

Brutus.
Nein, Messala! Mich schreckt nicht jenes Heer,
Das den Befehl entnervter Schwelger ehrt,
Und unter Knaben kämpft. Der Götter Zorn, –
Dies fürcht ich nur – durch Frevel wider Rom
<Seite 161:>
Zu sehr empört, kriegt wider uns. Und was
Vermag der Held, zieht wider ihn in Streit
Die Allmacht dieses Zorns? – Selbst diese Nacht
Erschien mir ein Gesicht. – Wie oft hat nicht
Ein Gott im Traum die Hülle weggewälzt,
Die vor dem Heiligthum der Zukunft hängt! –
Von Sorgen oft verdrengt, gewann zuletzt
Ein später Schlaf dies Auge; nicht, wie sonst,
Wohlthätig sanft; wie er auf Frevler stürzt,
Von Schrecknißen umringt. – Die Erde bebt
Und plötzlich steht ein fürchterlich Phantom,
Des Cäsars Geist, hoch vor mir da! Um ihn
Fliegt wild zerstreut ein blutiges Gewand;
Ihn zeichnet noch der herrschbegierige Stolz,
Die Stirn spricht Grimm; von Blutdurst trunken, flammt
Sein Auge Wuth; er schwingt, als wenn ihn Zeus
Mit Wettern rüstete, den furchtbarn Arm;
Der Donner und Tyrannenstimme redt
Aus ihm. Unseeliger! so rief er – noch
<Seite 162:>
Schreckt der furchtbare Ton mein schüchtern Ohr –
Unseeliger! sieh den ermordeten,
Und nunmehr bald gerächten Cäsar! Rom
Fällt; du mit ihm! der große Untergang
Söhnt meinen Schatten aus. Von deinem Blut
Entspringt sein Untergang! – Er sprichts und schnell
Erblick ich Rom – Doch Götter, wie! – Nicht mehr
Der Städte Haupt. Nacht und Verderben hängt
In Wolken über ihm. Verheerend rauscht
Die Flamme durch der stolzen Straßen Pomp.
Der Stürme Zorn; der Erde Grund empört;
Ein sinkend Capitol. Ein sterbend Rom –
Furchtbarer Anblick! Was empfand ich da!
Als im Triumph sieht Cäsars Geist herab;
Von Freud und Rachbegier entbrannt, verweilt
Sein Blick auf einen Jüngling, der umringt
Von Furien, durch Dampf, Getös und Graun
<Seite 163:>
Verwegen eilt. In blutiger Rechte schwingt
Er Fackeln und durch ihn verstärkt, ergießt
Die Glut sich unbezähmter fort. Noch dünkt
Mich, ihn zu sehn. Nein; Es war nicht Octav!
Sein Anblick goß nur sanfte Regungen,
Mitleiden, Liebe selbst, in meine Brust;
Und forderte die mörderische That
Gleich meinen Haß, so könnt ich dennoch nicht
Ihn hassen, Freund – Nein; Es war nicht Octav!
Ich flog zu ihm, den nur Verirrten –
Dieß schien er mir; das Edle seiner Stirn
Verführte mich – aus seiner Trunkenheit
Zu reißen; wüthend stürtzt er unerweicht
Mich selbst in die Verheerung tief hinab.
Wie Welten untergehn, schallt ein Getös
Mir nach. – Das Unglück treffe mich, Zeus,
Das dies Gesicht weissaget! Dein göttlich Werk
Rom, lebe!

<Seite 164:>

Messala.
Fürchte nichts! Zu sehr wird Rom
Von den Unsterblichen geliebt, und du,
Die Stütze Roms. Dies göttliche Gesicht,
Kam es von Göttern, prüft nur dein Vertraun.
Und prophezeiht dir nicht der letzte Kampf
Auch heute Glück? Wie schüchtern floh das Heer
Antons, als es dich sah: Wie Wogen fliehn
Vom Grimm des Sturms. Der Veteranen selbst
Bemeisterte sich da die erste Furcht.
Die Schrecken, die du da verbreitet hast,
Sind deine Krieger in dem heutgen Kampf.
Des Ueberwundenen Arm lernt nicht so bald
Den vorgen Muth.

Brutus. (nach einigem Stillschweigen.)
Wie dunkel, Meßala!
In welch Geheimniß ist dies Wort gehüllt:
»Von deinem Blut entspringt sein Untergang!«
Von meinem Blut? Ich kenne keinen Sohn.
<Seite 165:>
O hätt ich ihn, den Sohn, den mir das Schwerdt
In Mutina geraubt, so bliebe, fiel
Ich auch, ein Rächer für mein Vaterland!
Die Götter wolltens nicht! – Vergieb mir, Rom!
An diesem Tag sollt ich, ganz Bürger seyn,
Und ich bin Vater. – Freund, uns ruft der Kampf,
Der Erd Erwartung ruft; komm! – Marcius? –

Dritter Auftritt.

Marcius. Brutus. Meßala.

Herr, ein Gesandter naht vom Heer Antons;
Mein Vater, Publius. – Die Freude, die
Mein Blick verräth, beleidige dich nicht.
Den Vater lieb ich, und der Freyheit Feind
Beweint mein römisch Herz. Er wartet, ob
Dein Wink ihm, dich zu sehn erlaubt. Wenn du,
Spricht er, der Erde Wohl nicht widerständst,
<Seite 166:>
So würde dies Gefield, das jetzt des Kriegs
Gefürchtet Zelt weit überdeckt, bald durch
Des Friedens ersten Pomp verherrlicht seyn.

Brutus.
Führ ihn zu mir.

(Marcius geht ab.)

Vierter Auftritt.

Brutus. Meßala.

Wie irret Marcius,
Wenn er verführt jetzt neuer Lockung glaubt,
Die ihn zur Hofnung ruft! Du weißt, er brennt,
Den Frieden hergestellt zu sehn. – Kann wohl
Antons, noch mehr, Octavs herrschsüchtiger Geist,
Den eine Welt voll Sklaven nur vergnügt,
Der Frucht von so mühsamer Grausamkeit
Entsagen? – Es verstrickt die Tyranney
In güldne Fesseln den, der einmahl sich
<Seite 167:>
Erkühnte, sich zum Herrn von seinem Volk
Zu freveln. Nie – doch der Gesandte kömmt;
Vergebens lügt sein Auge Heiterkeit;
Rebellisch bricht der schwer verdrungne Haß
Hervor.

Fünfter Auftritt.

Publius. Brutus. Meßala. Marcius.

Ist noch Roms Wohl Brutus Wunsch,
So danke den Unsterblichen! Bald wird
Der Länder Königin, nicht mehr verheert
Durch ihrer Kinder Wuth, der Erde Rest
Ihr Zepter fürchten sehn. Es bieten dir
Die Häupter unsers Heers Versöhnung durch
Mich an. Wie sehr entzückt mich ihre Wahl!
Vielleicht wird dieser Tag – erhört den Wunsch
Unsterbliche! – an dem der Erdkreis sich
Durch uns versöhnt, auch unsrer Feindschaft Ziel;
Oft zürnt ich auf das Schicksal, das mich den
<Seite 168:>
Als Gegner hassen hieß, den ich als Held
Bewunderte. Selbst die Triumvirs –

Brutus.
Unrömscher Geist, den Namen nie! Nenn, [offenbar verrutscht, F. F.] Roms Fluch!
Verderben schlage den, der ihn erfand!
Unwürdger! – doch, warum verschwend ich Zorn?
Zur edeln Schaam zu klein, liebt stets der Sklav
Die eigne Schmach. – Ich geh, die Helden, die
Mit mir noch kein entnervend Joch entweiht,
Hier zu versammeln, – dann erkläre dich! –


Fünfter Aufzug.


Erster Auftritt.

Marcius.
Verzweiflung, wohin treibt den Irrenden
<Seite 169:>
Dein drohend Schwert? Verlaßt mich, Peiniger
Gedanken – Tod – Wie, Brutus Lager? und
Ich hier? Wie oft hat dieser Ort den
Gehört, der meine Treu dem Würdigsten
Der Helden heiligte; und dennoch thut
Dein rächend Grab sich unter meinem Fuß
Nicht auf, o Erde; dennoch strömt kein Tod
Mit dieser Luft in mich – Verkennst du mich,
Durch mich entweihter Ort, mich Frevler, mich
Den Mörder Brutus? Wild, gleich euerm Grimm,
Ihr Furien, ergreift mich der Gedanke:
Sein Mörder! Ach mein Freund, den Göttern, die
Von dir entwichen sind, so ähnlicher,
Verrathner Freund, dein Blut, wie redet es
Entsetzen in dieß Herz! Sie steigt empor
Im schwarzen Pang, die grauenvolle That,
Und martert mich.

<Seite 170:>

Zweyter Auftritt.

Marcius. Servilius.

Servilius.
Wen seh ich?

Marcius.
Der Natur
Entsetzen, Roms und Brutus Untergang,
Den niedrigsten Verräther, – Marcius –
Dir schaudert nicht vor mir, ehrwürdger Greis?
Ha! du verkennst mich, siehst nicht, wer ich bin.
Mit einem Wort ich bin – des Brutus – Mörder.

Servilius.
Du, Wüthender, sein Mörder du?

Marcius.
Ich ich!
Ja fluche mir; ich siegte diesen Sieg.
Im ersten Kampf unwillig, Brutus Heer
<Seite 171:>
Zu fliehn, und jetzt, da seines Lagers Schatz
Die Flüchtigen noch einmal streiten hieß,
Stürzt ich zuerst, nach mir des ganzen Kriegs
Erzürnte Wogen auf sie ein; es gab
Zu meinem Fall die Hölle meinem Arm
Gewalt; ihr Schrecken flammt' auf meinem Helm
Und Mordgier tobt' in meiner Brust – Ich merkte
Mir einen Weg zu ihm; weit um ihn her
Lag aufgehäufter Tod – Verlassen schon
Kämpft er allein; er sah mich, und es sank
Vor mir sein Schwert. – Wehmüthger Schmerz vertrieb
Von seiner Stirn die Furchtbarkeit; er sah
Mit thränenvollem Aug' auf mich – doch ich
Blieb Unmensch – wie mir es schien, ermannte mich
Der Ruf der Furien – ich hob bereits
Den strafbarn Arm empor – Elender, rief
Hier Brutus, ich will einen Frevel dir
Ersparen. Rom sey nun versöhnet, daß
<Seite 172:>
Ich Vater ward. Er sprichts, und stürzt sein Schwert
In seine Brust – O Abscheu – Frevel, Graun!
Verzweiflung ward die Furcht der Fliehenden.
Ihr sterbend Haupt zu schützen drengten sie
Zum drittenmal zurück, und ich, erwacht
Von meiner Trunkenheit floh aus dem Kampf
Hieher.

Servilius.
Unseeliger, was willst du hier?

Marcius.
Den Brutus sehn und sterben. Trügt mich nicht
Ein fern gehört Geschrey, so tragen ihn
Die Seinigen noch lebend her.

Servilius.
Ihn sehn?
Macht dein Verbrechen dich so kühn? Willst du
Den Held in seinem Blute höhnen?

<Seite 173:>

Marcius.
Nein,
Vor meinen Augen soll er sich an mir
Gerächet sehn: sein Blick, schon eine Hölle,
Und sein beklemmter Ausruf: Rom sey nun
Versöhnet, daß ich Vater ward, ist mir
Namlose Quaal.

Servilius.
Welch ein Geräusch? Ist ers?
Ja, Brutus! – seinem ersten Ungestüm
Entflieh zum mindesten. (Marcius ab)

Dritter Auftritt.

Servilius. Brutus, verwundet und von zwey Soldaten geführt. Meßala.

Brutus.
Dieß sey der Ort,
Der letztere, wo Brutus sterblich ist.
O mein Erretter, Tod! in eine Welt,
Wo kein Anton dem Tugendhaften Schmach
Und Knechtschaft droht, führst du den freyen Geist –
<Seite 174:>
Servilius, vergieb, daß ich den Krieg
Gewählt; das Glück straft meine Wahl; doch ich
That meine Pflicht und das ist mir genug.
Wie sehr verherrlicht meinen Fall der Schmerz,
Der Euch bedeckt, großmüthge Freunde – doch
Weint nicht um mich, ich blute glorreich; ich
War frey, und sterb ein Römer, unentweiht
Von Fesseln – Weint um Rom. Die Thräne, die
An diesem furchtbarn Tag für Rom nicht fließt,
Fließt strafbar hin. – Ach sie, die Königinn
Der Völker liegt im Staub. Frohlockend sieht
Der Hohe der Tyranney die mächtigen
Tyrannen nicht mehr der Erde Furcht.
Der Tod der Freyheit ist der Tugend Tod.
Kein göttlich Feuer wird ins Künftge mehr
Des Patrioten Brust durchglühn; ihm ist
Nicht mehr die Wunde für das Vaterland
<Seite 175:>
Ruhmvoller, als das Scepter einer Welt:
Nicht über den gemeinen Menschen wird
Der hohe Trieb den Römer mehr erhöhn;
Vom Fluch der Sklaverey belastet, wird
Dies unfruchtbare Land verheeret nicht
Gerechte Manlius entspriessen sehn.
Der Freyheit Sohn, der Heldenmuth entflieht
Auf ewig unserm stolzen Kapitol;
Vor dem Monarchen selber zitterten,
Dieß Kapitol wird bald nur Fabel seyn.

Meßala.
Freund, letzter Römer, wie zeigst du dich gros,
Eh du sie fliehst die Erde. Nicht um dich,
Um Rom nur fließt die letzte Thräne dir.
Die fernste Welt hör es erstaunt, es hörs
Kein Edler und kein Patriot, daß nicht
Sein weinend Auge dich verherrliche.

Brutus.
Des Tugendhaften Lob ist Harmonie
Dem Ohr des Sterbenden – Meßala,
<Seite 176:>
Mein Freund, entledige mich dieser Furcht:
Schweigt endlich der Tumult der Waffen? Ruht
Das aufgebrachte Schwert?

Meßala.
Nein, Brutus, noch
Verwehrt dein Krieger, hofnungslos, doch stark
Für dich, des Ueberwinders Weg zu dir.

Brutus.
Die Unglückseeligen! Ach warum fließt
Umsonst das Blut so vieler Römer hin!

Vierter Auftritt.

Die Vorigen. Marcius.

Meßala (da er den Marcius erblickt.)
Entsetzen! – Frevler, flieh! – Du, Rasender,
Du Marcius? Zurück! ein nährer Schritt
<Seite 177:>
Ist Tod! Schreckt nicht die Heiligkeit des Orts,
Schreckt Brutus Gegenwart Verbrecher nicht?

Brutus.
Mein Elend hat die fürchterlichste Höh
Nunmehr erreicht. Ich sehe – Marcius –
O Tod verhüll den Anblick mir. Du kömmst,
Frohlockender Verbrecher, in Triumph
Mein Sieger her; du kömmst mit Banden mir
Zu drohn – Vergebens! Brutus wird dein Sklav
Zu seyn von Göttern nicht gehaßt genug.

Marcius.
Ich komme nicht, als Sieger, nicht erhitzt
Vom Stolz der Schlacht. Ach! Marcius ist für
Die Ruhmbegier, für jeden Trieb sich zu
Erheben, tod; verzweiflungsvolle Reu
Ergreift ihn. – Sieh in mir den niedrigsten
Verbrecher, voller Durst, sich selbst vor dir
Zu strafen.

Brutus.
Hoffe nichts. Fruchtlose Reu
Versöhnet nicht die Frevel dieses Tags.
<Seite 178:>
Den kühnen Gang hast du zu mir gewagt,
Sey jetzt dafür gestraft. Im Donner will
Ich mit dir reden, Niedriger. Mein Wort
Soll, gleich dem Hölle-Strom, mit Angst dein Ohr
Durchrauschen. – Kenne dich, du bist mein Sohn,
Und diese Wunde hier – sie ist mein Tod.
Du starrst, dur ringst, mir nicht zu glauben.
Du bists; zu dein und meinem Fall erhielt
In Mutena dein Leben Publius,
Und ließ mir einen Tod beweinen, der
Für mich ein Seegen würde seyn.

Mucius. [sic!]
Ich bins,
Ich fühle nur die einzge Strafe – sie
Die einzge, die meiner Frevel werth,
Wie sie, unmenschlich ist. – Ich bin dein Sohn –
Ein Vatermörder! – Dir, dir fluch ich, Tag,
Der mir der erste war, sey gleich der Nacht
Des Schauers, der in meiner Seele herrscht,
<Seite 179:>
Schwarz, öd' und ernst – Sey ein Gebährer stets
Von Vatermördern und von Publius!
Was zögert die Vernichtung? was nüzt mir
Dieß Daseyn, dieser Fluch? Rund umhüllt mich
Das Elend ein – Ihr Götter! – doch ihr seyds
Nicht mehr, – ihr Furien, Entsetzen und
Verzweiflung – ihr seyd meine Götter, kommt,
Wohlthätig reißt mich aus der Wesen Reich,
Und seegnet mich mit dem vollendeten
Verderben.

Brutus.
O! der Zorn der Götter schwebt
Hoch über dich. Dein Vater muß es sehn.
Von dir zweyfacher Mord.

Marcius.
So tödend mir
Dein Haß ist, so gerecht ist er; ja ruff,
Ich bin es werth, ruff die entsetzlichsten
Gerichte wider mich entrüstet auf!
Doch wüstest du, ehrwürdger Held, wie sehr
Mein hingerißner Geist der mächtigen
<Seite 180:>
Verführung widerstrebt; wie mein Tyrann,
Bewafnet mit der heiligen Gewalt,
Die die Natur den Vätern giebt, dann erst
Gesiegt, als er mich mit drohendem
Verbrechen überall belagert hielt,
Und mir allein die Wahl des Abgrunds blieb,
Der meinen Fall empfing, du würdest selbst
Der Rache entsagen.

Brutus.
Und dir verzeihn,
Wär dein Verbrechen nur mein Untergang:
Doch daß du in das Herz des Vaterlands
Den Stahl des Mörders stiesest, dieß Verzeihn
Beleidigte das Grab des hohen Roms.

Marcius (der sich ihm zu Füssen wirft.)
Du stirbst, und lüstern wartet schon auf mich
Der Abgrund. Mein Gericht verlang ich nicht
Zu fliehn. Ich fordre nicht von dir
Verzeihung; würdge nur mich eines Blicks
Des Mitleids; Trost und Lindrung wird er mir
Bey einer Ewigkeit von Qualen seyn.

Brutus.
Entflieh, Verworfner; zerreiß nicht mehr
<Seite 181:>
Dieß Herz, in welchem du so mächtig einst
Geherrscht – Entflieh und fürchte diesen Arm,
Vom Blut der Frevler roth. So sehr ihn schon
Der Tod entwafnet hat, so könnt er doch
Bey deinem Anblick, schnell mit neuer Kraft
Belebt, Verderben auf dich schleudern. Flieh!

Marcius.
Es sey! Vollführe selbst die Straf an mir!
Voll Ehrfurcht streck ich dir dieß schuldge Haupt
Entgegen – Nur zuvor laß einen Blick
(Ich wiederhohle den verwegnen Wunsch)
Des Mitleids auf mich fallen. Lindre mir
Ach! lindre deine Pein; denn meine acht ich nicht.
Sieh diese Thränen, die dein heilig Knie
Benezt, vom Frevler nicht, vom Sohne dir
Geweint. Um dein selbst willen wende nicht
Den Blick, der sich versöhnen will, von mir!
Sey einen Augenblick noch Vater; dann
Sey Richter über meine Lasterthat.

Brutus.
Vergebt, ihr Götter meines Volks, du Zeus,
Du heilige Gerechtigkeit, vergebt,
<Seite 182:>
Wenn Brutus jetzt erweicht, bezwungen, schwach,
Nicht Römer ist. – Steh auf, Unglücklicher –
In einem Augenblick des Grausens, seh
Ich dich, als Sohn – die Götter wollen es –
Umarme mich; du hast mein Mitleid: ach!
Sie sagen dir, die Thränen sagen dir,
Wie sehr ich Vater bin.

Marcius.
Großmüthigster!
Unglücklichster der Väter! wie das Blut
In deiner Wunde da, von mir berührt,
Sich hebt.

Messala (man hört ein großes Geräusch.)
Die Feinde nahn. So jauchzt der siegt,
So ist der Ueberwinder Gang.

Letzter Auftritt.

Die Vorigen. Anton, mit seinem Gefolge.

Anton.
Wo ist
Der Feldherr? Wo ist Brutus?

<Seite 183:>

Brutus.
Hier, Anton, (auf seine Wunde zeigend.)
Und wie du siehst, so ganz in Sicherheit.

Anton.
Tollkühne Stoicker, ihr wählet stets
Aus lauter Stolz ein schimmernd Unglück für
Das euch beschiedne Glück.

Brutus.
Und ist uns stets
Weit theurer, als der Glanz, der dich zum Gott
Beseeligt. – O du, der Götter Gott,
Erstaunlich Wesen! – noch vor meinem Blick
In Majestätischer Nacht verhüllt, der du
Die Sonnen und die Tugendhaften schufst,
Und sie da noch belohnst, wenn Sonnen schon
Verloschen sind, den stolzen Flug schwing ich
Zu dir empor; vergieb die rasche That,
Die nicht ich selbst, die der Verzweiflung Nacht
Und Raserey in mir gethan, vergieb,
Daß ich den Tod beschleiniget, den ich
Von dir erwarten sollte. – Staub bin ich
Und Unvollkommenheit, und du – bist Gott!
Ein unaussprechliches Gefühl sagt mir,
<Seite 184:>
Daß du das Böse strafst, das Gute lohnst.
Nimm Brutus auf, und Rom in deinen Schutz!
Dich anzubeten, dich zu denken ist
Nun seiner Ewigkeit Geschäft und Ziel. –
O Sohn! o mein Sohn! – doch umarme mich.
Des heutgen blutgen Tages Gräul verdreng'
Aus dem Gedächtniß unsrer Afterwelt
Die künftge Frucht von deiner Besserung –
Auch dir, Anton, flucht nicht mein leidend Herz.
Mein Geist, ganz der Unsterblichkeit gewiß,
Erniedrigt sich nicht mehr um Haß herab:
Mißbrauche deines Siegs nicht als Tyrann,
Anton. Ehrwürdig sey des Sterbenden
Ermahnung dir. Vor des Allmächtigen
Gericht, das mich erwartet, ruft auch einst
Der rächerische Tod dich! Dieß bedenk,
Wenn dich der schmeichelnde Triumph entzückt
Und überhebet. – Messala, und du,
Grosmüthiger Greis, entstellet meinen Tod
Durch Thränen nicht – Beneidet mich – Ist es
So graunvoll, einer Welt der Sklaverey
Entrückt zu werden? Ueber Erd und Tod
<Seite 185:>
Und niedrige Veränderung gesetzt,
Der Freud' und Tugend Eigenthum zu seyn?
Er kömmt, der seeligste der Augenblicke –
Unendlicher – sey meiner Freunde – Schutz –
Und Roms (er stirbt)

Anton (zu seinem Gefolge.)
Er war mein Feind, und dennoch muß
Ich ihn bewundern. Ach! auf wessen Fall
Stützt meine Größe sich. Sie muß der Haß
Der Götter seyn; denn Brutus Blut floß ihr
Zum Opfer.

Marcius.
Prahlender, entheilge nicht
Durch dieses Mitleid mehr den Held,
Mehr durch dein Mitleid diesen Held – Von uns,
Von uns Verbrechern ist es Schmach für ihn –
Du Fluch der Erde, und mein Fluch, sieh hier
Die That, die ich vollführt, und die du schufst! –
Ihr, denen Rach und Tod gehorsam sind,
Hört mich, furchtbare Mächte, laßt Anton,
Laßt den Tyrannen fühlen, was ich jetzt
Empfinde; sein Gericht sey meinem gleich –
<Seite 186:>
Was stürmt in mir empor? Welch fremd Gefühl!
Ergreift mich schon der Hölle Qual, und schon
Des Todes Schauer? Nein, ihr Furien,
Ihr seyds, ihr öfnet mir des Schicksals Buch.
Ich seh, Anton, dein Untergang ist nicht
Mehr fern, ist schrecklich. Auf, Ohnmächtiger,
Bewafne deine Welt, verbirg das Meer
Durch deiner Macht Gedräng – Nicht Widerstand,
Zahlreiche Flucht bereitest du; denn sie
Sind wider dich die Götter. Furcht ergreift
Dein Heer, Entsetzen deiner Helden Muth.
Welch Schauspiel, Rom, gerächtes Rom, für dich!
Die Trümmer seiner Flotten, weit und breit
Verstreuet auf dem Ocean; er flieht,
Und keiner Noth entfliehet er. Dieß ist
Dein Los schon hier, und ein noch schrecklichers
Erwartet dich im Reich der Nacht, wie mich,
Den einzgen Frevler, der dir gleicht. Ich geh
Voran; die Höllenpforten öffnen sich.
Die Erde wird von mir befreyt! (er tödet sich.)



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