Brawe Ressourcen. Joseph von Sonnenfels: Freymüthige Erinnerung an die deutsche Schaubühne, über die Vorstellung des Brutus (1770)
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Sonnenfels, Joseph von: Freymüthige Erinnerung an die deutsche Schaubühne, über die Vorstellung des Brutus. Wien: Joseph Kurzböck 1770.

<Titel:>

Freymüthige
Erinnerung
an
die deutsche Schaubühne,
über
die Vorstellung des

Brutus


W I E N ,
gedruckt bey Joseph Kurzböck, k. k. illyrisch= und
orientalischen Hof= wie auch N. Oest. Land=
schafts und Universitäts Buchdruckern.


1770.

<Seite 3:>

Wenigstens, wann man zu den feyerlichen Verheißungen einiges Zutrauen haben darf, welche man uns in der Nachricht der neuen Theatraldirektion an das Publikum gemacht hat, soll man heute nicht mehr Kritiken des Geburtstages, oder auf den Parnaß erhabene grüne Hüte zu befürchten haben, wenn man über die Schaubühne ein freymüthiges Wort zu sprechen waget. Nicht jede Erinnerung ist Tadel; und eben wenn man hie und da Verbesserungen wünscht, bekennet man Zufriedenheit über das Ganze. Das ist ungefähr im großen mein Urtheil über ihren Brutus. Ich sehe seine Vorstellung als den ersten Schritt an, durch den sich die Nationalbühne der <Seite 4:> schönen Erwartung nähert, zu welcher man uns auf eine einschmeichelnde Art berechtiget: ich gestehe, daß ich noch auf der deutschen Schaubühne nie ein Stück im Ganzen mit solcher Anständigkeit und Ordnung, aufführen gesehen.

Kehren sie sich – ich muß mich ungefähr doch an jemanden wenden, an den ich meine Erinnerung richte, ich wähle mir also die Schauspieler – kehren sie sich, meine Herren! nicht an die Reden gewißer Leute, die ihre Ursachen haben, alles detestable – das ist ihr eigner Ausdruck – zu finden, was sie immer geben werden, diese Leute haben nur den Ton, aber nicht die Glaubwürdigkeit der Orakelsprüche; niemand wird durch sie irre geführt; man weis die Quelle ihres Tadels.

Trotz also der ***, welche wenigstens Leuten, die für baares Geld in der Schaubühne sind, durch ihre Ungebehrdigkeit nicht hätten unbequem fallen sollen; trotz der ....., welche mit der Mutter Natur zürnen, die sie in Deutschland ließ gebohren werden, die es ganz unmöglich finden, wie ein deutsches Schauspiel nur erträglich könne aufgeführet werden; trotz der Kunstrichter, und Kabale, welche sich gerüstet hatten, ihr Trauerspiel fallen zu machen, trotz dieser, und wenn es nöthig wäre, trotz ihres Hasses, habe ich das Herz <Seite 5:> ihnen im Namen des deutschen Publikums einen Glückwunsch abzustatten.

Das Stück selbst ist von einer Stärke, dergleichen vielleicht wenig auf die Bühne gebracht worden: der frühe Verlust seines Verfassers wird Deutschland dadurch nur desto empfindlicher. Brawe hat, ohne seine Zuflucht zu dem abgenützten Triebwerke der französischen Dichter, zu der entnervenden Liebe zu nehmen, dem Stücke Anzüglichkeit zu verschaffen gewußt: niemand – ich nehme doch diejenigen aus, für welche der Anblick einer Schauspielerinn eine erquickende Augenweide ist – aber außer ihnen niemand hat den Abgang einer Frauensperson nur im geringsten vermißt: der Dichter hat nach meinem Sinne in diesem Stücke mit größerem Glücke als Voltär gearbeitet: er hat die Scene seine[r] Handlung auf einen Ort verlegt, wo die Erscheinung eines Weibes beleidiget haben würde. Giebt es denn auch außer der Liebe keine Leidenschaften, kein Interesse? die größten, welche die Menschheit nur kennet, sind in Brutus vereinbart: erhabner Patriotismus, und väterliche Zärtlichkeit: der Streit zwischen beiden ist heftig, und die Situationen, welche dadurch veranlaßt werden, schrecklich: der Sieg des Brutus zwingt uns zur Bewunderung – auf der andern Seite, ein edler muthvoller Jüngling, Marcius, der Bewundrer seines Heerführers, <Seite 6:> seines Freundes, ein Nachahmer desselben – seinem vermeinten Vater durch den gräßlichsten Eid zum Hochverrathe, zum Untergange Roms, der Freyheit und der Stütze von beiden, des Brutus verpflichtet; in dem Laufe seiner gräßlichen That, noch an dem Rande des Abgrundes durch eigne Tugenden zurückgehalten; aber durch die schauervolle Entdeckung, das Leben seines Vaters sey für die Ausführung seines Eides verbürgt, gewaltsam hineingestürzt; dieser Jüngling wird, noch als Vatermörder bemitleidet – Höher scheint die Rache ihre Wuth nicht bäumen zu können, als es Publius thut, der gleich einer wütenden Bestie seinen Tod nicht fühlet, weil er auf seinem Raube stirbt; und noch eh er stirbt, vergiftet er die Wunde des Helden, durch die grauenvolle Entdeckung – der, durch welchen Rom in Ketten ist, sey des Brutus – Sohn. Durch alle diese Schrecknisse wird der Zuschauer, welchen der Dichter aus den Reden des Publius den gräulichen Plan des Samniters vorherahnden läßt, mit durchgerissen, bis an die erschütternde Katastrophe, wo Patriot, Vater, Reue, Verzweiflung im Tumulte kämpfen, und uns voll Bewunderung, Mitleids, und Entsetzens von der Schaubühne entlassen. Das Schreckbare der englischen ist mit dem Anstande – nicht der gallischen, bey welcher der Anstand in Weichlichkeit ausar- <Seite 7:> tet – sondern der griechischen Schaubühne in einen glücklichen Bund gebracht.

Es ist meiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß sie hin und her Stellen abgekürzt, und manchen Vers weggelassen haben: das war eine Wohlthat, die sie dem Ruhme Brawes erwiesen haben: ihre Wahl ist, nach meiner Bemerkung hauptsächlich auf diejenigen Stellen gefallen, wo der Dichter die Schaubühne aus dem Gesichte verlor, und sich seiner malenden Einbildung überließ: solche Schilderungen, die sich ganz vortrefflich lesen, kühlen immer die Hitze der Handlung, und was soll vollends der Schauspieler mit einer Stelle, wie z. B. folgende ist, anfangen

»Es geh allmächtig vor dir her das schrecken Zeus
Wie dieser Gott, als die empörte Welt,
Stolz seiner Flucht geglaubt, im Donner schnell
Zurücke kam, und der Titanen Trutz
Vor seiner rechte Zorn in nichts versank.«

Oder der sterbende Brutus, welchen der Dichter überhaupt wegen seiner Wunde ein wenig hätte schonen sollen, den er unter andern sehr langen Reden sagen läßt, was in einer Theodicee ganz vortrefflich gestanden hätte:

<Seite 8:>

»O du Götter Gott, erstaunlich Wesen! – noch vor meinem Blicke
In majestätscher Nacht verhüllt, der du
Die Sonnen und den tugendhaften schufst,
Und ihn noch da belohnst, wenn Sonnen schon
Verloschen sind, den stolzen Flug schwing ich
Zu dir empor –« u. s. w.

Solche Abkürzungen machen ihrer Einsicht Ehre: angehende Theatraldichter sollten immer mit dem Stiften in der Hand vor der Bühne erscheinen, und sich die weggelassenen Stellen mit großem Fleiße anzeichnen; eine Richtschnur in ihren künftigen Schauspielen, nicht in Weitschweifigkeiten zu verfallen!

Zwar weis ich es zu wohl, meine Herren! was es für ein eingebildetes Geschöpf um einen Schriftsteller ist; sie, die sich, so oft ohne allen Beruf, eines entscheidenden Urtheils über Schauspiele, und Schauspieler anmassen, sie gebehrden sich, wenn man ihnen einen schimmernden Gedanken wegstreicht, wie Kinder, denen man ein Flitterläppchen wegnimmt, dessen Glanz ihn[en] sowohl gefiel. Aber das verschlage ihnen nichts! für den kleinen Unwillen der Dichter gewinnen sie den Beyfall der Zu- <Seite 9:> schauer: ich denke, der eine ist des andern wohl werth –

Brutus ist voll von Auftritten, die zu manigfältigen Gruppen und Bildern Gelegenheit geben. Die richtige, und reizende Anordnung, und Zusammensetzung derselben, war für mich eine angenehme Ueberraschung. Bis hieher, ich gestehe es mit Offenherzigkeit, war dieser Theil der Vorstellung, der doch so viel zur Vollkommenheit beyträgt, ziemlich vernachlässiget; bey der Aufführung ihres Brutus war alles, beynahe dürfte ich sagen, wie ich es gewünscht: doch nein: ich wünsche immer den nur möglichen Grad der Vollkommenheit, und diesen erreicht man bey Zusammensetzungen nie, wo man sich so vieler Statisten, und andrer Personen gebrauchen muß, die von der Schaubühne kein Kenntniß haben: indessen waren wenigstens alle Bilder ohne Verwirrung, und angenehm ausgeführt. Der letzte Auftritt, wo Anton mit seinen Kriegern erschien, war mit Beurtheilung eines Historienmalers geordnet; ich habe ihn lebhaft vor mir, weil er mir ausnehmend wohl gefiel: ich will ihn versuchen, nachzuzeichnen. Die Hauptperson, der sterbende Brutus, war vorzüglich ins Gesicht gebracht, und machte mit den um ihn beschäfftigten Freunden und dem verzweifelten Marcius die Hauptgruppe, welche auf den vorderen Grund, aber mit <Seite 10:> kluger Haushaltung des Platzes, ein wenig zur Seite gestellt ward, um die übrigen Theile des Gemäldes nicht zu verdecken. Den Liktoren, welche den sterbenden Feldherrn herbey gebracht, hatten, als unwichtige Personen seitwärts in einer Entfernung ihren Ort, etwas näher gegen die Hauptgruppe der Waffenträger mit dem Helme des Brutus. In zweyten Grunde gegen die Mitte stand Anton, der in diesem Auftritte gleichfalls eine handelnde Hauptperson war: um ihn hervorragender zu machen, ward er von seinem Gefolge abgesöndert, aber durch zween Waffenträger, welche im Grund tiefer angewiesen waren, mit seiner Truppe verbunden. Die Anordnung dieser Truppe selbst war mit Verstand gemacht: sie stand auf einer gegen den hintern Grund abwärts hängenden Anhöhe, wodurch eine Zahl von 12[,] welche sich nach der Neigung des Hügels verliefen, eine sehr große Anzahl vorstellig machen konnte. Dieser Kunstgriff scheint mir den Landschaftmalern abgeborgt, welche durch einen Hügel, hinter welchen sie einen lichten Horizont lassen, die Wirkung einer großen Fernung zuwege zubringen wissen. Einen andern Vortheil hatten sie den Historienmalern abgelernt, nämlich hinter den Figuren noch eine Menge Spieße, Fähne, Adler und dergleichen hervorragen zu <Seite 11:> lassen, wodurch die Gruppe das Ansehen einer tiefgestellten Menge empfängt.

Das Kolorit der Kleidungen kam diesem Bilde sehr wohl zustatten. Wie freue ich mich, daß man nun einmal das Herz hat, auf unsrer Bühne dem Custume genauer zu folgen? war es die Eitelkeit der Schauspieler, welche sich stets im Schimmer des Flittergolds zeigen wollte? oder welche andre eben so lächerliche, eben so tadelswürdige Ursache erzwang einen so verworfenen Aufwand, als die, meistens ohne Geschmack, noch öfters trotz aller Wahrheit angebrachten Stikereyen sind, womit die Theatralkleider bedeket waren? – haben sie den Muth meine Herren, solch Zeug der Opera zu überlassen, und halten sie sich, wie dießmal, so nahe an die Wahrheit, als es der theatralische Wohlstand möglich machet! Brutus in seinem eisernen, einfachen Harnische, war mir weit ehrwürdiger, weit mehr Held, als wenn er über und über mit Golde wäre bedecket gewesen. Die Einförmigkeit in Farben, wozu sie der senatorische Stand der handelnden Personen zwang, war durch die Veränderung der Streifen, die bald gerade senkrecht, bald schief, bald wellenweis liefen, glücklich vermieden.

Nach diesen beyläufigen Betrachtungen, welche immer auf das Ganze ihres Trauerspiels fielen, komme ich nun auf die Ausführung im Einzelnen. Hier sey es mir er- <Seite 12:> laubt einige von ihnen, Mann vor Mann vorzurufen, um über ihre Rollen ein Wort zu sprechen.

H. Stephanie der ältere! sie haben mit ihrem Brutus ungemein Ehre eingelegt; bey denen wenigstens, welche ohne Partheylichkeit zu urtheilen fähig sind. Die Gelassenheit des Stoikers hat sie manchmal wohl verlassen, aber nur selten: und in den heroischen patriotischen Gesinnungen, welche Brawe seinem Helden so oft in Mund leget, waren sie wirklich Römer – ihre Sterbescene war durch die Wahrheit anziehend, der Streit des Patriotens mit dem Vater, die abwechselnde Größe und Zärtlichkeit in diesen wichtigen Augenbliken rührend: ihr Tod, der feyerliche Tod eines Helden, der nicht unter gichterischen Windungen stirbt, dem das Leben gleichsam nur entweicht. Der letzte Stoß des Todes, der etwas heftig war, brachte sie in die glückliche malerische Lage, in welcher ihr entseelter Leichnam bis an das End des Stückes blieb –

Nun auf dieses Lob, das mir die Liebe der Wahrheit gebeut, einen kleinen Tadel, welcher aus derselben Quelle fließt – Mir kam vor, daß sie ihrer Stimme Gewalt anthaten, um sie bis zu einem gewissen Tone, den sie vielleicht, an einem Vater und Helden als nothwendig ansahen, herabzustimmen. Dadurch legten sie sich manchmal in dem Wechsel ihrer Recitation Hindernisse, <Seite 13:> ihre Brust schien zu leiden, und die Zuhörer litten mit ihnen. Behalten sie ganz ihren eigenen Klang der Stimme bey, der bis auf einen Ton, sehr angenehm ist. Bey ihrem Gange, besonders bey dem Abgehen, sollte ich gleichfalls eine Erinnerung anbringen: er war in meinen Augen schwebend, und gleichsam wellenförmig, wodurch sie den Auge bald höher bald niedrer vorkamen: ich habe genau gesehen, woher dieser Uebelstand rühre: ihre Schritte sind zu weit; dadurch wird, wenn das eine Bein sich vorwärts in eine schiefe Linie streckt, die gerade Linie des Leibs merklich verkürzt, der aber, sobald ihn das Hinterbein nachschiebt, gleichsam wieder empor steigt, um sobald der Schritt gesetzt wird, abermal abzufallen: hieraus entsteht das Wallende des Ganges, welches, halte ich dafür, durch kürzere Schritte vermieden werden möchte, und durch die kleine Hilfe, anstatt den Oberleib der Richtung des vorschreitenden Fusses folgen zu lassen, den Körper gerade auf den Unterleib zu tragen.

Schreiben sie es der Aufmerksamkeit zu, die ich ihrem vortrefflichen Spiele nicht versagen konnte, daß mir die unrichtige Gebehrde nicht entwischt ist, womit sie eine Stelle des 2 Aufzugs 5 Auftritts begleiteten! Sie stießen bey dem Verse

<Seite 14:>

– – Warum ihr Götter! ward
Ihm nicht der bessere Tod gegönnt?

mit der Faust gerade vom Leibe vorwärts, welches, da es nicht geschehen konnte, ohne vorher den Arm in ein Skurzo zu bringen, eine sehr unangenehme Zeichnung machte: Sie hatten eben diese Gebehrde nicht lange in der Zayre angebracht: also ist es wohl ein Dienst, den man ihnen erweist, sie gegen eine üble Angewohnheit zu warnen, der gar leicht auszuweichen ist. Ihre Absicht war den bessern Tod durch eine malende Gebehrde zu bezeichnen: dieß ist richtig gedacht! also statt dieses geraden Stoffes, die Faust über den Kopf erhoben, und von oben schief herabgestossen; so ist die Gebehrde eben so bezeichnend, und edler!

Die Rolle des Publius war mit der Wildheit gespielt, welche den gräßlichen Karakter des Samniters bezeichnet. Der jüngere Herr Stephanie, den seine eherne Brust so sehr bey seinem Spiele unterstützt, hat in dieser Rolle den Vorwurf derjenigen schon großentheils widerlegt, die ihm Fähigkeit zu dem Tragischen versagten. Seine Recitation war richtig und mit Einsicht, aber sein Spiel war ungleich: ich war stets versucht ihm zuzurufen: Haben sie doch das Herz langsamer zu sprechen, und die starken Zwischenräume anzubringen, wel- <Seite 15:> che die Recitation so glänzend machen! – und dann war ich noch versucht hinzusetzen: Sehen sie die Leute als Feinde ihres Ruhmes an, die immer sprechen: Sie sollten sich ganz ihrer Natur überlassen! nein mein Freund! ihre Natur ist die Natur Stephanies, und wenn wir diesen in ihnen erkennen, so sind sie wahrlich nicht Publius, nicht Ulfo und Constantin oder was sonst für eine Rolle die ihrige ist: ihre Natur ist immer dieselbe: nach dem Zurufe dieser Leute hätten Sie also den Lusignan, durch den sie mir Thränen in die Augen lockten, wie den Ulfo, und beide vielleicht wie den Baron Kreuzen spielen sollen.

Die Regel: Der Schauspieler soll sich der Natur überlassen, würde ihre Berufsarbeit sehr bequem machen, wenn sie so buchstäblich hin zu verstehen wäre: aber da man Helden, Könige, und wider Betrüger, Erzschurken, auf die Schaubühne bringt, und sie weder eines noch das andere sind, so ist es ziemlich offenbar, daß der Sinn dieser Vorschrift nicht so auf der Oberfläche liege. Lassen sie mich ihn ein wenig tiefer heraus holen! der Schauspieler studiere erst aus dem Innhalt des ganzen Stückes, dann aus den einzelnen Stellungen, die ihm der Dichter vorgezeichnet hat, seinen Karakter! er beschäftige sich durch Nachsinnen ganz mit denselben! er erhitze seine Einbildungskraft durch <Seite 16:> alles was darauf Beziehung hat! er täusche sich selbst, und werde ein Held, ein Tyrann, ein Liebhaber u. s. w. und ist er nun durch solche Kunstgriffe, die ihn Gewohnheit und Uebung geläufig machen werden, ganz in den Karakter versetzt, dann überlasse er sich der Natur! die aber nicht mehr seine, sondern die Natur seines Karakters ist.

Sind sie von der Richtigkeit dieser Erklärung überzeugt; so werden sie nicht mehr glauben; man könne die Uebung, sich den körperlichen Anstand, die Richtigkeit der Zeichnungen, den Reiz der Gebehrde zu verschaffen, immer verabsäumen, und alles das getrost von einem glücklichen Ungefähr erwarten; man kann richtig fühlen, aber wenn man, wie ich sagen möchte, den Mechanismus der Gebehrde sich nicht eigen macht, so wird man sein Gefühl unrichtig! wenigstens ohne Anmuth ausdrücken.

Es war ein Wagestück, von H. Lang dem ältern sich zum ersten Auftritte die Rolle des Marcius zu wählen. Ein junger Schauspieler, der noch das Gefäß des Schauspielhauses nicht kennet, und besonders eines Schauspielhauses, welches wie unsre deutsche Bühne nur für stentorische Stimmen erbaut ist; der sich noch nicht der für die Stimme ergiebigsten Standplätze zu bemächtigen weis, der noch nicht die Uebung hat, den Seitenwendungen <Seite 17:> auszuweichen, welche dem Hörsale stets die halbe Stimme rauben; dem noch nicht alle Erhöhungen, Nachlassungen und Verflössungen der Töne zu Gebote stehen können; der endlich seiner Brust noch nicht die Stärke, seiner Kehle den Laut eigen gemacht hat, welche sie wie eine Geige oder Flötte erst durch ein längeres Spiel erhalten; ein solcher Schauspieler, dem auch die Furcht die Brust beklemmt, hat ohnehin alle Mühe verständlich zu bleiben: hier nun kam die Heftigkeit des Karakters, und mehr noch als alles dieses, der jambische Vers dazu, dessen man so wenig gewohnt ist, und welchen die Hälfte der Zuschauer mit dem Buche in der Hand nicht verstehen.

Inzwischen wenn man sich an denjenigen Standort stellet, von welchen sie eigentlich beurtheilt zu werden, fodern können, war ihr Auftritt vielverheißend – Das ist, wie mir däucht, das Urtheil, welches unpartheyisch zwischen dem übertriebenen Lobe des größten Haufens, und dem eigennützigen Tadel einiger Wenigen das Mittel hält, und mir die Freyheit läßt, an ihnen gut zu finden, was wirklich gut ist, ohne über die Unvollkommenheiten eine Hülle zu werfen, gegen welche sie nicht zu zeitig können gewarnet werden.

Der hervorstechende Theil ihrer Fähigkeit, ist die Gebehrde: ich verknüpfe mit diesem Worte den weitesten Umfang dessen <Seite 18:> es fähig ist, den Ausdruck des Gesichts, die Zeichnung des Körpers, das Spiel des Arms.

Der Ausdruk des Gesichts zeigte von dem hohen Grade des Gefühls, mit welchen sie gleichsam zum Schauspieler vorherbestimmt sind: die Seele arbeitete sichtbar auf ihrem Gesichte, und zeichnete die Leidenschaften, von welchen sie ergriffen waren, durch unverkennbare Züge: ihr Auge spricht Unentschlossenheit, Furcht, Mitleid, Schrecken, Entsetzen. Der letzte Auftritt des dritten, und der vierte und fünfte Auftritt des letzten Aufzugs öffnete ihnen ein großes Feld, auf welchem sie, als ein angehender Schauspieler, Bewunderung verdienten; aber wollen sie dieselbe in der Folge erhalten, so ist ihnen die Mässigung nachdrüklich zu empfehlen.

Nicht dann nur ist es eine Ueberladung, wenn der Ausdruck übertrieben wird; auch da schon ist es eine, wann, an sich wahre Ausdrücke zu häufig angebracht werden. Die Haushaltung in diesem Stücke ist das Werk der Einsicht, und der Kunst. Lassen sie sich den Beyfall, den Neuvil in der Adelaide erhielt, nicht auf Abwege verleiten: das war ein Franzose; dem wird nun schon einmal zugeklatscht, wenn er sich auch hundert Meilen über die Gränzen der Wahrheit hinausreißen läßt: als ein deutscher Schauspieler, müssen sie sich an den Lo- <Seite 19:> be Weniger genügen lassen: der Beyfall einiger wahrer Kenner, wiegt auf der Wagschale des Verstandes alles Lob der unzählbaren Halbkenner auf: der anhaltende, oder zu oft widerkehrende Ausdruck einer Leidenschaft hört auf ein besonderer Ausdruck zu seyn; er wird eine ordentliche Physonomie. Nehmen sie also in diesem Stücke den Maler zu ihrem Beyspiele an, der seine Lichter durch die tiefsten Schatten aufhöhet: bringen sie gleichfalls Schatten und Licht in ihr Spiel! und geben sie ihrem Ausdrucke durch die Abstechung eine desto stärkere Kraft.

Ich habe an Ihnen den starren Blick, den geöffneten, unbeweglichen Mund, wodurch sie die Vermischung des Erstaunens und Schreckens ausdrückten, tadeln gehört. Verschlüssen Sie vor solchen Beurtheilern ihr Ohr, die nicht wissen wie weit der Schauspieler den Ausdruck treiben darf! Da die Gränzen der Schauspielkunst mit den Gränzen der bildenden Künste, der Malerey, der Bildhauerey, nach ihrem Endzwecke einerley sind, so könnten sie diese zu niedlichen Kunstrichter vor die Gruppe Laakoons führen, dem die Künstler, kein Bedenken trugen, weil es der Ausdruck des Schmerzens foderte, den Mund zu öffnen; Sie könnten Ihnen die Cartons von Le Brün vorlegen, nach welchen die prächtigen Tapeten von Gobelin verfertiget wor- <Seite 20:> den, welche eine Reihe der Thaten Alexanders vorstellen, oder statt der Cartons, die in dem Vorzimmer unsers Monarchen nach eben dieser Zeichnung gearbeiteten Tapeten selbst, wo, vom Eingange zur Rechten gerade die Figur eines aus der Schlacht entfliehenden Persers vor ihren Augen steht, welcher Le Brün einen offenen Mund zu geben, nicht gegen die Anmuth, das ewige Gesetz seiner Kunst gehalten: Sie könnten sie abermal auf die Le brünischen Karaktere verweisen, die Sie wirklich zu ihrem Studium gewählt zu haben scheinen; Sie könten diese ekeln Herren endlich, nicht abermal an Neuvilen in der Rolle des Arsatzes, sondern an Vestris zurückerinneren, dem, als einem Tänzer gewiß engere Schranken, als den Schauspieler vorgezeichnet waren, der gleichwohl eben durch dieses verirrte Aug, durch seinen offenen Mund, durch die Unbeweglichkeit seines ganzen Körpers, unsre allgemeine Bewundrung entriß: aber statt aller dieser Beyspiele verweisen Sie ihre Tadler auf eine Stelle in Noverrs Briefen über die Tanzkunst [*], wo Garricks Spiel als ein Muster des Theatralausdrucks aufgestellet wird! die ganze Beschreibung ist ihrer Aufmerksamkeit würdig; aber hieher gehört eigentlich <Seite 21:> nur das Ende derselben; ich sah ihn – spricht Noverre – einen Tyrannen spielen, »welcher geschreckt von der Schwärze seiner Laster, von Gewissensbissen zerfleischt, stirbt. Der letzte Auftritt, war der Auftritt des Schmerzens, und der Verzweiflung. Die Menschlichkeit rächte an ihm so viele Mordthaten, und seine Grausamkeiten. Der Tyrane, gerührt von ihren Vorwürfen, verabscheut seine Laster, die stufenweis seine Verurtheiler seine Henker wurden. Der Tod malte sich nach und nach auf seinem Gesichte; seine Augen verdunkelten sich; seine erlöschende Stimme reichte kaum noch der Anstrengung zu, seine Gedanken zu stammeln; seine Gebehrden, ohne von ihrem Ausdrucke zu verlieren, bezeichneten die Heranrückung des lezten Augenblicks, seine Beine entschlüpften unter dem Körper; seine Züge verlängerten sich; seine blasse, unterlaufene Farbe, war die Farbe der Reue, und des schmerzlichstens Gefühls: in diesen Augenblicken sank er dahin, und nun stellten sich seine Laster seiner Einbildung unter den gräßlichsten Scheugestalten vor. Erschreckt von diesen gräulichen Bildern, kämpfte er gegen die Vernichtung: die Natur schien ihre lezte Kräfte anzuwenden: diese Stellung machte Schaudern: er krazte die Erde, er grub <Seite 22:> gewissermassen sein Grab. Aber der Augenblick nahte: nun sah man wirklich den Tod: alles schilderte den Augenblick der zur Gleichheit führt: er starb endlich: das Schluchzen des Todes, die verzückenden Bewegungen der Phisionomie, der Arme, der Brust, waren der letzte Strich dieses schrecklichen Bildes –«

Die Stellung (Situation) worinnen Garrick geschildert wird, kann nicht schrecklicher seyn, als die Stellung des Marcius, in diesem Augenblicke, wo er in demjenigen, den er verrathen, an dessen Tod er Schuld trägt, seinen Vater erkennet, den er, und mit demselben, Vaterland, Freyheit, und die Tugend gestürzet hat – Es ist ein im Grunde tugendhafter Jüngling, dessen grauvolle Thaten, das schreckliche Licht eines Blitzes helle macht. Konnten Sie in dieser Scene des Schmerzens, der Reue, des Entsetzens, der Verzweiflung so heftig zu seyn! –, und mußte nicht der Tod eines von seinen Lasterthaten Gefolterten, mit dem ruhigern Ende des tugendhaften Brutus eine sichtbare Abstechung machen!

Hätten sie vor einen englischen Parterre gespielt, oder wären unter dem Zuschauer einige Noverres gemengt gewesen, so würden die erhabenen, und kühnen Züge nicht <Seite 23:> verloren gegangen seyn, die sie so glücklich, und mit Verstande in ihrem Spiele angebracht: Z. E. die Betäubung, mit welcher sie sich aus den Umarmungen des Brutus loßrissen, und, da die schlaffen Beine unter dem entkräfteten Körper nachliessen, gefühlloß hinsanken, und dem Kenner des Alterthums in ihrem schön gezeichneten Falle den sterbenden Fechter in das Gedächtniß rüfen: oder als den Marcius bey seiner Annäherung der Anblick des sterbenden Brutus schreckte, und er sich dem gräulichen Anblicke durch die Verhüllung seines Hauptes entzoh, wie einst Timanthes, dessen Bilder nach dem Zeugnisse des Plinius, immer mehr ausdrückten als gemalt war; in dem Opfer Iphigeniens den Vater der Prinzessinn verhüllte, weil der Schmerz eines Vaters in diesem Augenblicke über allen Ausdruck der Kunst reichte – vielleicht, daß man bey einer zweyten Vorstellung, auf solche Schönheiten aufmerksamer wird!

Schönheiten sind es, wenn sie sparsam, und mit Verstande untergestreuet werden, nicht, wenn man sein Spiel, fast sollte ich den Ausdruck wagen, damit über und über bebrämet. Diesen Vorwurf kann man Ihnen bey ihren Stellungen mit Grunde machen: Sie zeichnen sich richtig, stets malerisch, edel, und mit Wechsel; aber zu <Seite 24:> häufig; man sieht Sie beynahe nie in einem gleichgültigen Stande. Aller Orten seinen Reichthum auskramen, heißt, verschwenden: ich will hier auf ihre Zeichnungen anwenden; was Noverre von der Anmuth überhaupt erinnert. »Nirgend ist die Sparsamkeit so schwer, als in diesem Stücke. Es gehört Geschmack dazu, sie schicklich anzuwenden: es ist ein Fehler, aller Orten darnach zu laufen, und sie überall gleich anzubringen. Wenn man wenig Ansprüche darauf zu machen scheint, wenn man aus einer klugen Vernachläßigung, sie manchmal geflissentlich verabsäumt, so werden sie dadurch nur desto reitzender.«

Bey dem Armspiele ist eben diese Erinnerung nicht überflüßig: Sie brauchen ihren Arm richtig, sie contrastiren den Körper mit Anmuth; lassen Sie sich auch noch empfohlen seyn, ihrem Spiele das Ansehen des Manierirten zu benehmen, wenn ich von den Malern ein Kunstwort hieher borgen darf. Doch, mich däucht, von dieser Unvollkommenheit werde Sie die Zeit, und eine längere Uebung auf der Schaubühne von selbst befreyen.

Zeit, und Uebung werden auch ihre Recitation verbessern. Sie haben ihr Rolle mit Einsicht gesagt, die man von einem <Seite 25:> Anfänger nicht erwarten durfte; Sie haben Abfälle, Nachdruck, Wechsel, an seinem eigenen Orte angebracht. Aber es schien, als versagte sich ihre Brust ihrer Einsicht; Sie waren unverständlich, das Publikum entschuldigte Sie – aber Freunde müssen Ihnen rathen.

Die Unverständlichkeit ihrer Sprache lag oft an der Wendung ihres Körpers, oft an dem tiefen, oft an dem zu weichlichen Tone, manchmal auch, weil sie in der That zu leise sprachen.

Wenn der Körper in einer Seitenwendung steht, so geht die Richtung der Stimme, anstatt gegen den Zuschauer, nach den Schiebwänden hin. Die Schauspieler müssen daher, wenn sie zu sprechen haben, der Profilstellung geschickt auszuweichen wissen, welches ganz wohl angeht, woferne sie sich in ihrem Spiele wechselweise unterstützen, damit derjenige, der zu sprechen hat, unvermerkt immer den Hintergrund gewinne: durch diesen Kunstgriff, fällt die Stimme gerade gegen den Zuschauer, die bey der Seitenwendung zur Hälfte für ihn verloren ist.

Jeder tiefe Ton widersteht natürlicher weise mehr der Artikulation, weil die Stimmwerkzeuge, dabey sehr geblähet wer- <Seite 26:> den: von der Artikulation, aber hängt eigentlich die Deutlichkeit der Aussprache ab. Der tiefe Ton hat auch noch den Nachtheil, daß der Nachhall, welcher durch die gewaltsame Ausdrückung der aus der Brust gestossenen Stimme, an die obere Wölbung der Hinterkehle, entsteht, mit dem darauf folgenden Worte zusammenfließt. Der Mechanismus der Stimme ist also dem öfteren Gebrauche des tieferen Tones entgegen, und nur wenige, welche man, wie die Larven der Alten, ærisonos, Stimmen von Erzt, nennen darf, machen hier eine Ausnahme. Wenn ein tieferer Ton, um Wechsel in die Recitation zu bringen, unmittelbar gefodert wird, so wird der Schauspieler sich dadurch helfen können, daß er in der vorhergehenden Stelle seine Stimme auf eine gewisse Höhe spannet, wodurch der nachfolgende Abfall merklich werden kann, ohne, daß es nöthig ist, zu den tiefsten Tönen hinabzusteigen. Um den Wiederhall auszuweichen, wird man langsamer sprechen, und gleichsam den vorhergehenden Tönen Raum lassen müssen, ehe zu verhallen, als andere darauf folgen.

Bey dem Geschmack die übertriebene Süßigkeit, bey dem Gefühle und Gehör die allzugroße Weichlichkeit haben einerley Folgen, das wiederwärtige Gefühl, wozu wir in der Sprache nur den allgemeinen Aus- <Seite 27:> druck, Ekel haben. In der Aussprache entsteht die Weichlichkeit, wenn die Selbstlauter zu lange gedehnet, und die Mitlauter nicht durch einen zureichenden Nachdruck der Sprachwerkzeuge gebildet werden, und ihre Festigkeit erhalten. Ich will versuchen, dieses durch ein Beyspiel deutlicher zu machen. Wenn das Wort, Empfindungen also ausgesprochen würde – eehnfinungen, und welches sich nicht durch Buchstaben bezeichnen läßt, die n nicht durch den Druck der Zunge an dem Gaum vollendet werden, so ist das Wort jederman unverständlich: die Schuld liegt daran, daß bey der Syllbe em die Lippen nicht genug zusammgepreßt, bey pfin, der Rückgang von dem Lippenbuchstaben p auf den Buchstaben f nicht merklich gemacht, die n nicht im Gaume ausgebildet, und nach der Syllbe pfin, der Buchstaben d nicht durch die angedruckte Zunge vernehmbar gemacht wird. Ich will diese kleine Pedanterey über die Aussprache bey Seite legen, wozu hier nicht der angemessene Platz ist. Herrn Lang geht eigentlich nur die Erinnerung an, zwischen den zärtlichen und weichlichen der Aussprache einen Unterscheid zu machen: der zärtliche Ton wird aus der Brust heraufgeathmett, der weichliche wälzet sich zwi[schen] der Kehle und den Gaum herum, und <Seite 28:> verschlägt den Laut ganz in dem Hintertheile des Mundes.

Es wäre freylich ein Glück für die Schauspieler, und ein Vergnügen mehr für die Zuhörer, wenn unsre Schaubühne erlaubte, von der leisen Modulation Gebrauch zu machen. Aber daß ist nun einmal nicht, und wir Zuschauer selbst, haben wir uns nicht den Vorwurf zu machen, daß unter uns nicht das Stillschweigen herrscht, welches eine feinere Recitation fodert? Es ist nun gewiß unartig, wenn ein paar Leute sich mitten hinpflanzen, und durch ihr Geschwätz das Vergnügen und die Aufmerksamkeit einer ganzen großen Versammlung stöhren. Einige Frauen sind Amazoninnen genug, um den nach ihren Logen gerichteten Blick der ganzen Schaubühne, ohne die Farbe zu ändern, zu ertragen, und dem St! des aufgebrachten Parteres unerschrocken Trotz zu bieten. Vielleicht wäre hier die Vermittelung der Polizey nicht überflüßig; jeder Einzelne ist der Menge Achtung schuldig.

Die französischen Schauspieler, welche den deutschen immer das Unnatürliche, und Uebertriebene des Tons vorwerfen, mögen es versuchen, ob sie auf dieser Bühne verstanden werden; das einzige mal wenigstens, da sie auf derselben ein Stück <Seite 29:> vorstellten, verstand niemand ein Wort. Der deutsche Schauspieler darf also, wenn er allen Plätzen genug thun will, seine Lunge nicht schonen, bis er ein ruhigeres, beynahe wäre mir entfahren, gesitteteres Auditorium vor sich haben, und vielleicht durch den Fortgang, den die Nationalbühne machet, den ausländischen Schauspieler von dem Orte verdringen wird, der ihm aus so vielen Betrachtungen –

Doch! wie ferne sind wir noch von diesem Zeitpunkte! und wie thätig arbeiten vielleicht gerade diejenigen daran, ihn zu entfernen, von welchen sich alles, was die Bildung, und den Ruhm der Nation vollenden kann, entschiedenen Schutz sollte verheißen können!

Um desto größere Ermunterung verdient der Nationalschauspieler, der nur in sich selbst, und in einem Enthusiasmus, welcher ihn über alle Unannehmlichkeiten seines Berufs blendet, Beweggründe auffinden muß, nach der Vollkommenheit zu ringen.

Sollten Sie den Beyfall eines Mannes, der den rechtschaffenen Schauspieler seiner Nation öffentlich zu schätzen, und den großen zu bewundern, das Herz hat, diesen Beweggründen beyzählen; sollten Sie mei- <Seite 30:> ne Freymüthigkeit im Erinnern dem Eifer anrechnen, etwas zu ihrer Vollkommenheit mitzuwirken; so werde ich von Zeit zu Zeit Anlaß finden, auch diejenigen wackern Leute meiner Hochachtung zu versichern, die in dem Brutus an ihrer Stelle gleichfalls Beyfall verdient, aber in andern Stücken Gelegenheit geben werden, von ihren Talenten mit Unterscheidung zu sprechen.

Wien den 22. August 1770.


<Seite 20:>

[*] S. 215, und 216, der stutgard. Auflage.

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