Brawe Ressourcen. Biographie des Joseph Lange (1808)
Brawe Ressourcen Logo | unten |

Biographie des Joseph Lange K. K. Hofschauspielers. Wien: Rehm 1808. S. 18-38. (4.-6. Kapitel)

<Seite 18:>

Viertes Kapitel.

Erste Bildung zur Bühne. Ermunterung durch Hrn. Hofrath v. Sonnenfels Schauspieler zu werden. Wirkliche Aufnahme.

Von dieser Zeit an beginnt meine Bildung für die Bühne. Das Theater war meine Lieblingsunterhaltung, und so auch die meines Bruders. Wir geriethen darauf, Rollen zu studieren, und sie dann zu Hause nicht nur zu declamiren, sondern auch zu spielen. Wir entwickelten recht eifrig unsere Charaktere, und ließen es an brüderlicher scharfer Kritik nicht fehlen. Vorzüglich forderte mich mein Bruder auf, seine Stellungen und Bewegungen mit dem Auge des Mahlers zu prüfen. Wir gesellten uns andere artige junge Leute, und führten zuletzt kleine Stücke vor einer kleinen Ge- <Seite 19:> sellschaft auf. Wer hätte gedacht, daß aus diesen Spielen Ernst werden würde?

Der Ruf von unserem Liebhaber-Theater drang zu dem gelehrten Herrn Hofrathe v. Sonnenfels, der gerade damahls zur Verbesserung der National-Bühne in einem sehr lebhaften und ehrenvollen Kampfe gegen Ungeschmack und Vorurtheile begriffen war, von welchem ihn, seiner guten Sache bewußt, nicht Undank und Hohn abzuhalten vermochten. Wir wurden geladen, in seinem Hause ein kleines Stück, Serena, aufzuführen, und nahmen die ehrenvolle Einladung freudig an.

Unter den Zusehern erinnere ich mich des damahligen Theater-Unternehmers Herrn v. Cohary, Baron v. Bender, Chevalier Boufleur, der Gräfinn Wartensleben u. s. w.; wir ernteten vielen Beyfall, und von nun an suchte man mich und meinen Bruder für das Theater zu bestimmen.

Hofrath v. Sonnenfels übernahm dieses Geschäft. Er zeigte uns die Bestimmung <Seite 20:> des Schauspielers aus einem so schönen, ich darf sagen, großen Gesichtspuncte, daß den Jünglingen das Herz voll Lust und Sehnsucht schwoll. Zwar bedurfte es vielleicht nicht der Ueberredungsgründe eines so weisen und beredten Mannes, um Jünglinge zu einem Stande zu bestimmen, der mit ihrer Neigung zusammen traf; aber es war dem Edlen um ein Höheres zu thun; er wollte die Jünglinge selbst veredlen, die er zur Veredlung anderer bestimmte. Dieser würdige Gelehrte ward nun unser Lehrer, seiner tiefen Einsicht dankten wir die ersten festen Grundsätze der Kunst.

Wir schrieben nun unserer Mutter um ihre Einwilligung, welcher Hofrath v. Sonnenfels sein Fürwort beyzulegen die Güte hatte. Das Ansehen eines so berühmten Gelehrten, und das Zutrauen auf meinen ältern Bruder bestimmten die gute Frau zu einer günstigen Antwort, die wir mit Freude empfingen.

Wir wurden, ohne Proberollen zu spielen, unter der Direction des Herrn Grafen v. Co- <Seite 21:> hary, eines liebenswürdigen Cavaliers, der die Künstler mit Achtung und Zartgefühl behandelte, im Jahre 1770 mein Bruder mit 800 fl., und ich mit 600 fl. für das erste Jahr, für das zweyte Jahr er mit 1000 fl., und ich mit 800 fl. engagirt. Das Loos des Lebens war geworfen.


<Seite 22:>

Fünftes Kapitel.

Ueber den günstigen Zeitpunct, in welchem ich und mein Bruder die Bühne betraten.

Der Zeitpunct, in welchem mein Bruder und ich die Bühne betraten, war wohl der glücklichste in dem ganzen Laufe der hiesigen Theater-Geschichte. Nie fand seitdem das Talent mehr so mächtige Anspornung, so viele Hülfsmittel, so ausgezeichnete Belohnung. Die Burleske lag in den letzten Zügen. Bernardon wagte sich nur noch einige Mahle furchtsam auf den Kampfplatz, um seiner Niederlage ganz versichert zu werden. Mag es doch nach der Ansicht neuerer Aesthetiker wahr seyn, daß das freye, kecke Komische mit Hanswurst und Bernardon auf der Bühne verlosch. Ich muß es ihnen überlassen, den Verlust zu <Seite 23:> würdigen, und zu betrauern. Das aber darf ich sagen, daß die Darstellungen mit Hanswurst nur extemporirte Fratzen waren, ohne künstlerische Absicht flüchtig entworfen, reich an Prügeleyen, Zotten und gemeinen Spässen, die sogar ungefähr immer dieselben blieben. Meine Vermuthung darf ich hinzufügen, daß die Bühne, in diesem Zustande belassen, sich doch gewiß nicht höher als die Marinellische geschwungen hätte, auf der ja Hanswurst in der Gestalt des Kasperle blieb. Die Anhänger des Hanswurst waren damahls weit entfernt, ihn aus Kunstrücksichten beybehalten zu wollen; sie haßten vielmehr alle Kunst, und feindeten sie an. Er mußte gestürzt werden, wenn der bessere Geschmack durchdringen sollte.

Im Kampfe fühlet sich jede Kraft lebendiger, und der Sieg verdoppelt die Kraft. Kein Wunder also, daß die Schauspieler, die damahls nach jeder wohl aufgenommenen Darstellung einen Triumph feyerten, sich zu künftigen Siegen mit beyspielloser Anstrengung <Seite 24:> bereiteten, und so in kurzer Zeit die Schauspielkunst auf die Höhe hoben, auf der sie noch gegenwärtig steht. So sagt der Schauspieler Müller von meinem Bruder in seiner Biographie: »Man hat kein Beyspiel von einem Jüngling, der so kurze Zeit die Bahn der Kunst gelaufen wäre, und so schnell das Ziel erreicht hätte.« Da die Schauspieler alle einen gemeinschaftlichen Feind hatten, die Anhänger der alten Komödie, so vergassen sie auch ihre Privat-Interessen über das allgemeine, und strebten nach vereinter Wirkung. Mit welcher Aengstlichkeit und Ralosigkeit wurden die Proben in Gegenwart von Kunstkennern gehalten! Wie willig horchte man jedem Tadel, jedem Rathe! Wie griff sodann das Ganze am Abende selbst leicht und harmonisch in einander! O der schönen Zeiten! – Nur bey einer solchen Darstellung kann man es sich erklären, wie holperige Uebersetzungen französischer Stücke in lendenlahmen Alexandrinern so beseelt, wie der matte, schleppende Dialog da- <Seite 25:> mahliger Original-Stücke so beflügelt werden konnte, daß der Zuhörer im Interesse des Stückes festgehalten, befriedigt, erhoben und gerührt entlassen werden konnte. Wenn gegenwärtig der Schauspieler sich oft nur von der Rede forttragen lassen darf, um zu entzücken, mußte er damahls dem Strome entgegen schwimmen, ohne es sich merken zu lassen. Eine Herkulische Arbeit, aber sie stählte die Nerven!

Die Emporhebung des Theaters wurde von den Großen und Edlen des Staates damahls mit Enthusiasmus betrachtet. Ihre Häuser und Gesellschaftssäle standen dem Schauspieler offen. Man halte diesen Umstand für keine Kleinigkeit. Hier studierte er die Sitten und den Ton der großen Welt, der, weil er auf Convenienz und subtile Verhältnisse sich gründet, nur in derselben gelernt werden kann. Hier, und das ist das Wichtigste, wurde er gezwungen, ihn sogleich selbst anzunehmen. Das Abgemessenere, Feyerlichere, Bestimmtere des damahligen Tones war ihm gleichfalls nützlich. <Seite 26:> Er lernte bald, sich in unbequemerer Kleidung leicht und würdig bewegen, und aufmerksam seyn auf jede Kleinigkeit, weil jeder kleine Verstoß belächelt wurde. Heut zu Tage, wo man sich mehr hinläßt, wo die Großen selbst nachsichtiger in ihren Zirkeln sind, wo der Umgang mit ihnen dem Schauspieler nicht mehr so frey steht, wo endlich die theatralischen Darstellungen sich selbst mehr in der bürgerlichen Welt, als in den höhern Kreisen bewegen, darf man sich nicht wundern, wenn ein Mensch den Studenten so lange nicht verläugnen, selbst ein älterer Schauspieler im Costume einer gewissen Unbeholfenheit nicht los werden kann.

Man sage mir nicht, Degen und Haarbeutel mache keinen Helden, auch trugen griechische und römische Helden bekanntlich keine. Aber sie sollen sich doch immer auf eine würdige, feyerliche, anmuthige Art darstellen, und diese Art wird doch immer jener analog, oder wenigstens nicht widersprechend seyn müssen, womit die große Welt unserer Zeit, also gerade <Seite 27:> die Herren im Degen und Haarbeutel sich darstellen. Sonst mögen sich eure Römer mit der Toga den Schweiß trocknen, und mit der Hand ihre Nase erleichtern.

Glücklich war auch zum Beyspiele und zur Nacheiferung noch ein vortreffliches französisches Theater vorhanden, bey welchem sich sehr vorzügliche Künstler und Künstlerinnen: Aufraine, Neuville, Mad. Sainville, Dorfet, Beauburg befanden. Die Direction benützte diese Gelegenheit sehr wohl zur Erweckung einer rühmlichen Nacheiferung, und ließ gleich darauf, als die Franzosen ein neues interessantes Werk gaben, von uns dasselbe in der Uebersetzung darstellen. Besonders stellten die Franzosen ihre Lustspiele, und darunter wieder jene von feinerem Weltton, unübertrefflich dar; dieses Zusammenspielen, Eintreffen, Feuer und Leben in Ensemble wird man wohl nirgends so mehr finden. Es gedieh der Gesellschaft zum Ruhme, daß unter ihr keine Feindschaft, kein Neid, keine Eifersucht <Seite 28:> Statt hatte, wenigstens nicht bemerkbar wurde. Noch will ich jedem deutschen Schauspieler anmerken, ob er die französische Bühne gesehen und studiert habe; ein gewisser Adel, eine gewisse Lebhaftigkeit, Leichtigkeit und Zartheit des Spieles, ein gespanntes Streben, sich im Ganzen zu erhalten, und im Ganzen zu wirken, ein erhebender Glanz und Firniß der Farben möchte ich sagen, sind die Merkmahle dieses vorhergegangenen Studiums. Wahr ist es aber auch, daß im Trauerspiele die französischen Schauspieler aus dem Kreise der Natur heraustraten, und übertrieben, gleichsam als wollten sie durch die Darstellung den Mangel an Leben und Feuer vergüten, an welchen französische Dichtungen im Gegenhalte mit englischen leiden. Aber das Feuer, die Würde ihrer Darstellung konnte auch hier dem Deutschen ein Vorbild werden, den seine kältere, minder lebhafte Natur vor Uebertreibung ohnehin bewahret, und der doch immer mehr ruckweise, und mittelst eines Anlaufes als eine ganze <Seite 29:> Rolle durch sich auf den Cothurn setzt, und in Feuer geräth.

Gleichsam als sollte sich Alles zur Bildung des Schauspielers vereinigen, traf auch in diese erste Epoche Noverre mit seinen Schöpfungen ein. Noverre, der große Künstler, lehrte den Schauspieler, vor allen müßigen, zwecklosen Bewegungen sich zu bewahren, mit jeder Miene, mit jeder Hebung der Hand, mit dem Tempo der Schritte auf Ausdruck der Empfindungen zu zielen, Schönheit mit Wahrheit zu paaren, einen ergreifenden Moment zu bereiten, und ihn dann wie einen Donnerschlag treffen zu lassen. Der Kampf der Horatier und Curiatier, wer vergißt ihn, der ihn je sah? Wer folgt ihm nicht nach mit gespannter Erwartung und mit stürmendem Herzen? Noch höre ich ihn, den großen Meister, bey der Probe, als nun der letzte Curiatier dahin sinkt, von der Bühne dem Kapellmeister Startzer zurufen: »Haben Sie keine Note, die tödtet? Eine Note will ich, die tödtet!«

<Seite 30:>

Er hatte die Güte, mich in den Elementen der Tanzkunst, im Stehen und Gehen auf der Bühne zu unterrichten, was nicht so leicht ist, als man denkt, ja wenige aus den Schauspielern ihre ganze Lebenszeit durch verstehen lernen.

Auch Ritter von Gluck wirkte später wohlthätig auf mich. Das Studium seiner einfachen, seelenvollen Musik, seiner empfindungsvollen Recitative darf ich jedem Künstler empfehlen, um wahren Ausdruck der Empfindung und Leidenschaften zu lernen. Meine Leser, die nun Iphigenia auf Tauris wieder gegenwärtig haben, will ich zur Bestätigung des Gesagten nur auf ein Paar Worte erinnern; wie Orest, auf die Frage der Iphigenia um Agamemnon, von Schmerz und Entsetzen ergriffen, »Agamemnon! Agamemnon!« heraus schreyt, und wie die himmlische Iphigenia, nachdem sie den Sturz ihres Hauses erfahren, zu Orest sagt: »Entferne dich, denn nun weiß ich genug.« – Eines und das Andere dürfte <Seite 31:> von dem Schauspieler zur Erreichung der höchsten Wirkung dem Recitative nur nachgesagt werden. Eine Behauptung, die von dem größten Theile der Oper geltend befunden werden dürfte. Daß ich aber auch des nähern Umganges mit diesen großen Männern, mit Noverre, Gluck, Calsabigi und mehr dergleichen mich erfreuen konnte, dankte ich der Güte des Hrn. Hofrathes Baron v. Nefzern, der mich denselben empfahl und aufführte.

Die größte Anspornung endlich erhielt der Schauspieler durch die Aufmerksamkeit, deren der unsterbliche Kaiser Joseph und sein großer Minister, Fürst v. Kaunitz, die Bühne und ihre Künstler würdigten, worauf ich im Verfolge dieser Biographie öfters mit gerührtem Herzen zurück zu kommen Gelegenheit haben werde.


<Seite 32:>

Sechstes Kapitel.

Erstes Debüt. Hinderniß, das ich in meinem Organe fand. Ich als Barnvell. Mein Bruder als St. Albin. Sein Tod.

Das Stück, in welchem mein Bruder und ich zum ersten Mahle auftraten, war das Trauerspiel Brutus von Brave, eines Dichters, der in der Blüthe der Jugend der Bühne zu früh entrissen wurde. Das Stück ist in fünffüßigen reimlosen Jamben vortrefflich geschrieben; was hätte sich von dem Manne erwarten lassen, da der 20jährige Jüngling schon so männlich begann?

Mein Bruder spielte den Cajus Martius mit großem Beyfalle, ich den ersten Tribun. Einer sonderbaren körperlichen Empfindung muß ich hierbey erwähnen. Mir wurden die <Seite 33:> Füße zu schwer, und es war mir gerade, als ob ich im Sande waden müßte. Auch ich wurde von dem Publicum mit Nachsicht empfangen. Weil das Stück ohne Frauenrollen spielte, nannte man uns scherzweise die Weiberfeinde, eine Benennung, die meine Verehrung des schönen Geschlechts bald wieder verschwinden machte. Ich setzte meine Laufbahn mit zweyten Liebhabern und Vertrauten fort, und studierte jede kleine Rolle mit einem Eifer und einer Wichtigkeit, als ob sie die größte wäre. Ein großes Hinderniß lag in meinem Organe, das unbeugsam und für junge Rollen zu männlich tief war. Ich hörte von Demosthenes, der durch Fleiß und Uebung die Rednerstimme erhielt, welche ihm die stiefmütterliche Natur versagte, und verzweifelte nicht. In der Einsamkeit, auf dem Lande, wo ich nicht gehört und beobachtet werden konnte, stellte ich meine Versuche an. Ich dichtete mir selbst Scenen aller Art, von der Conversation bis zum höchsten Affecte, studierte und übte meine Stimme <Seite 34:> wie ein Instrument. Bald fand ich mehr Vermögen in derselben, ihre Kraft verstärkte sich nicht nur, sie beugte sich auch zum reinen Ausklange sanfter und schmelzender Töne. Wie mancher Künstler mag sein ganzes Leben durch eintönig und mißtönig geblieben seyn, weil er zu früh an seiner Stimme verzweifelte. Man werfe mir diese Erwähnung nicht als eine Eitelkeit vor, die doch nur das aufrichtige Bestreben hervorbrachte, jungen Künstlern, denen meine Biographie in die Hände fällt, nützlich zu werden.

Mein herrlicher Bruder blieb auch nun noch mein Mentor. Er hatte längere Zeit die französischen Schauspiele gesehen und studiert, und hatte daher einen Vorsprung vor mir. Er nährte aber auch meinen Geist aus den Werken der Dichtkunst, und weihte mich in Homers, Klopstocks und Ossians Gesänge ein, die meine Einbildungskraft mit hohen Heroenbildern entflammten, und mit glühender Sehnsucht nach ihrer Darstellung erfüllten. Heut zu Tage, wo <Seite 35:> meistens bürgerliche oder doch moderne Charaktere auf der Bühne erscheinen, dürfte es dem Jünglinge, dessen Seele nach der Darstellung alter Größe und alter Kraft ringt, noch dringender zu empfehlen seyn, sich durch Lesung der Dichter, ja auch durch Betrachtung heroischer Gemählde einen Reichthum an Heroenbildern zu verschaffen, die ihm weder die Welt, noch die Bühne mehr darbiethet.

Die erste Rolle von Bedeutung, in der ich sehr gefiel, war Barnwell, im Kaufmann von London, einem Stücke, welches durch tiefe Darstellung der Gemüthsbewegungen ungemein erschütterte, und mehrere junge Kaufleute in London und Hamburg von ihren Verirrungen zurück geführt haben soll. Nach dieser Vorstellung flog mein Bruder mit Thränen an meinen Hals, und über sein Entzücken vergaß ich in diesem Augenblicke den stürmenden Beyfall des Publicums.

Ach, warum mußte dieser brüderliche Bund auf der Laufbahn der Kunst schon nach einem <Seite 36:> schnell vorüberfliegenden Jahre durch den Tod zerrissen werden! In dem Laufe dieses Jahres hatte er sich zum vollendeten Künstler geschwungen, und man staunte seine Schöpfungen an, in deren jeder er sein originelles Talent auf eine neue Art entwickelte. Medon im Codrus, St. Albin im Hausvater, Couci im Fayel, der unglückliche Spencer im englischen Waisen waren die vorzüglichsten Rollen, in denen er seine Meisterschaft wies. So groß war sein Ruf, daß die erhabene unvergeßliche Kaiserinn Maria Theresia sich entschloß, ungeachtet sie seit Ihrer Witwenschaft nicht mehr das Theater besuchte, einer Darstellung des Hausvaters beyzuwohnen, ob sie gleich sich unzufrieden darüber erklärte, daß mein Bruder Ihren Dienst verließ, um auf die Bühne zu treten. Dieser Abend wurde zum National-Feste. Das Haus am Kärnthnerthore war zum Erdrücken voll. Das Volk jubelte der erhabenen Monarchinn bey Ihrem Eintritte als einer verehrten Mutter entgegen, sie dankte Ihren Un- <Seite 37:> tertahnen aus der Hof-Loge mit freundlicher Huld und mit Thränen in den Augen. Die allgemeine Begeisterung erhob die Schauspieler; nie wird dieses Stück mehr so vortrefflich gespielt werden. Ehe noch der dritte Act vollendet war, sagte die Monarchinn dem geheimen Cabinets-Secretär v. Pißtrich, mein Bruder habe recht gethan, Ihre Dienste zu verlassen, und auf das Theater zu gehen, weil seine Talente für dasselbe so ausgezeichnet seyen. Dieser, einer unserer Gönner, eilte sogleich mit der beruhigenden Nachricht zu meinem Bruder auf die Bühne.

Nach der Vorstellung schickte die, in allen Gelegenheiten groß denkende Frau 100 Souveraind'or der Gesellschaft, die nach dem Verhältnisse der Gagen vertheilt wurden. Mein Bruder genoß, wie gesagt, seinen Triumph nicht lange. Er verfiel in ein bösartiges Nervenfieber. Ich verließ ihn Tag und Nacht nicht. Trotz seines Brandausschlages legte ich mich über ihn, weil er in seiner Fantasie dem <Seite 38:> Bette entspringen wollte. Ich umarmte ihn immer und immer wieder; es schien mir nicht möglich, daß er mir entrissen werden sollte. Am 29. Julius 1771 starb er, mein Bruder, mein Lehrer, mein Freund, mein Gefährte, mein Alles. Einsam stand ich mitten im Gewühle der Welt. Sie schien mir freudenlos und todt. Eine nächtliche Melancholie ergriff mich, die meine Gesundheit und meine Lebenskraft untergrub.


  | oben |