Brawe Ressourcen. Franz Grillparzer: Selbstbiographie (die Nicht-Begegnung mit Müllner)
Brawe Ressourcen Logo | unten |

Franz Grillparzer: Selbstbiographie (1853/1872). In: ders.: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hg. von August Sauer. Band 16: Prosaschriften IV. Wien: Schroll 1925. S. 193, S. 364 (Anmerkungen).

<Seite 193:>

[...]

In Leipzig lernte ich den Professor Wendt, der mir durch die Verwechslung seines Namens mit dem ähnlich klingenden West, die Bekanntschaft Schreyvogls verschafft hatte, und den Justizrat Blümner, einen kenntnisreichen und sogar kunstverständigen Mann, kennen. Mit ihnen und meinem kreditarmen aber gar nicht ungebildeten Reisegefährten brachte ich drei Tage recht angenehm zu.

Je näher die Zeit meiner Abreise heranrückte, um so schwerer wurde mir das Herz. Es ging nun nach Weimar. Einerseits freute ich mich darauf, andrerseits aber sank meine ohnehin nicht große Meinung von mir selbst Grad für Grad in mir selbst zusammen. Übrigens mußte es sein und ich fuhr in der Landkutsche ab. In Weissenfels, wo der damals als Dichter und Kunstrichter geschätzte und gefürchtete Adolf Müllner wohnte, hielten wir Mittag. Ich fuhr weiter ohne ihn zu besuchen, obwohl mich sogar der Kellner im Wirtshause dazu aufforderte, mit dem Beisatze, daß der Herr Doktor sehr gern Fremde bei sich empfange. Der Mann hatte sich gar zu niederträchtig gegen mich benommen. Müllners Bosheit hinderte nicht daß er doch so ziemlich der letzte achkundige [sic!] Kritiker in ästhetischen Dingen war. Es ist nämlich seitdem der Begriff von Kunst verloren gegangen, den Müllner wenigstens festhielt.

Endlich kam ich nach Weimar und kehrte in dem damals in ganz Deutschland bekannten Gasthofe zum Elephanten, gleichsam dem Vorzimmer zu Weimars lebender Walhalla, ein. [...]

<Seite 364:>

[Anmerkungen]

[...] – 17ff. Vgl. Müllner an Blümner, Okt. 1826 (Gespräche VI, 177, Nr. 1397) »Der Grillparzer hat mich nicht gefunden, und ich bin überzeugt, daß er mich auch nicht gesucht hat. Der große Wiener Tragöd ist viel zu hochmütiger Poet, als daß er den neuen Brawe von Weißenfels besuchen sollte.« Der Dramatiker des 18. Jahrhunderts Joachim Wilhelm v. Brawe war in Weissenfels geboren. – [...]


  | oben |