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III. DER FÜNFFÜSSIGE IAMBUS BEI LESSING UND BRAWE.

Es war ursprünglich meine Absicht, hier eine vollständige Geschichte des reimlosen fünffüssigen Iambus bis zu Lessings Nathan zu geben; da diese Arbeit aber weit über den Rahmen eines Anhangs aufschwoll, werde ich dieselbe an einem anderen Orte veröffentlichen und im folgenden nur den Nachweis liefern, dass Brawe in seiner Behandlung des Verses wirklich der Schüler Lessings ist. Zu diesem Zwecke ist es aber nothwendig, Lessings Beziehungen zu der genannten Versart vorerst des näheren zu betrachten.

Nachdem eine Uebersetzung des Miltonschen Paradieses von E. G. v. Berge in fünffüssigen Iamben aus dem Jahre 1682 ohne weiteren Einfluss geblieben war, bemühten sich Gottsched und Bodmer ziemlich gleichzeitig, der erste in der Theorie, der zweite auch durch eine Reihe von Uebersetzungen dem reimlosen iambischen Vers Verbreitung zu verschaffen. Während aber Gottsched starr und pedantisch an fester Caesur und Bewahrung des einheitlichen Charakters der rhythmischen Zeile festhielt: verwendete Bodmer den Vers nach englischem Muster, mit freier Caesur und freiem Enjambement. Hatte Gottsched in seinem iambischen Versuche nur <Seite 129:> weibliche Endungen eintreten lassen, [1] so wechseln stumpfe und klingende bei Bodmer regellos ab. Bodmers Beispiele folgte Wieland, indem er 1752 seine zu Heilbronn erschienenen Erzählungen in diesem Versmasse dichtete; Wieland zeigte dadurch zum ersten Male in Deutschland, wie man den englischen Vers mit allen seinen Freiheiten, aber auch mit allen seinen Schönheiten in einem umfangreichen Originalwerke verwenden könne; und es lässt sich von da ab ein steigendes Interesse für den fünffüssigen Iambus nachweisen, welches am stärksten in den Jahren 1756 bis 59 an den verschiedensten Punkten Deutschlands hervortritt.

Gewiss haben diese Erzählungen Wielands auf Lessing, der sie recensierte, [2] einigen Einfluss genommen; in Anwendung finden wir den Vers bei ihm damals noch nicht.

Lessings erste Dramen und dramatische Fragmente, waren meistens in Prosa geschrieben; nur die wenigen Verse zu dem Schäferspiel 'Die beiderseitige Ueberredung' [3] und der 'Samuel Henzi' [4] sind in regelmässigen gereimten Alexandrinern geschrieben; dieses Versmaass zeigen auch die Uebersetzungen des Hannibal von Marivaux [5] und des Catilina von Crébillon [6], die erstere 1746, die letztere 1749 entstanden. In das Jahr 1748 aber fällt der 'Versuch eines Trauerspiels, Giangir' [7] in reimlosen Alexandrinern, die auch bei anderen, so bei Bodmer und J. E. Schlegel den Uebergang zu den iambischen Fünffüsslern vorbereiten; 110 Verse sind uns erhalten: Lessing bewahrt die französische Caesur nach der sechsten Silbe und lässt männliche und weibliche Verse regellos abwechseln. Für reimlose Verse im Drama tritt er auch im Neuesten aus dem Reiche des Witzes April 1751 [8] ein: 'Dass aber ein Heldendichter und ein dramatischer Poet <Seite 130:> die Reime weglässt, ist sehr billig; denn da verursacht der Uebelklang eines fast immer gleichen Abschnitts einen grössern Verdruss, als das Vergnügen sein kann, welches jene schön überwundenen Hindernisse erwecken.' Hier hat Lessing offenbar schon den fünffüssigen Iambus mit freier Caesur im Auge und wenn er auch bei Besprechung einer anonymen Uebersetzung des Idomeneus von Crébillon, welche 'in reimlosen Zeilen mit abwechselnder Versart' geschrieben ist, den Reim als Hilfsmittel zum Memoriren der Verse vertheidigt, wie er ja auch noch in der Dramaturgie denselben nicht ganz verwirft: [1] so hat er den Gedanken an denselben niemals wieder fallen gelassen. In der ersten Hälfte der Fünfziger Jahre wurde diese Vorliebe durch die Beschäftigung mit den Engländern, besonders mit Thomson genährt und am 25. Juli 1755 kann sogar Ramler an Gleim von ihm schreiben: [2] 'Künftig wird er in reimfreien Iamben dichten'.

Trotzdem sind es nur wenige Fragmente, welche Lessing in dieser Versart vor dem Nathan wirklich zu Papier brachte, und diese wurden im zweiten Bande von Lessings theatralischem Nachlass, welcher 1786 erschien, zum ersten Male veröffentlicht. Abgesehen von den wenigen Versen in dem Entwurfe Spartacus, [3] die zu flüchtig sind, als dass man sie einer näheren Betrachtung unterwerfen könnte, sind es drei dramatische Fragmente: Kleonnis, [4] welchen Entwurf ich in die Zeit von 1756-58 setze, Fatime, [5] 1759 entworfen, und das Horoskop, [6] in den Sechziger Jahren entstanden.

Der Vers im Kleonnis ist ziemlich correct in Bezug auf die Länge; unter den 180 Versen des Fragmentes ist ein einziger Sechsfüssler: Vers 51 'Aus meinen Augen liess! Zu stürm'scher Jüngling, nur'; 173 ist zweifüssig, aber unvollständig.

Alle Verse sind stumpf, daher viele Synkopirungen im <Seite 131:> Versende: '53 Muths; 78 Schau'r; 87 Bluts; 118 Grolls; 119 ist's; 155 menschlichern'. Hiatus findet sich einmal 175 'Liebe. Uns'.

Caesur steht ungefähr in dem dritten Theile der Verse nach der vierten Silbe, in den übrigen theils nach der sechsten Silbe, theils gar nicht; Lessing hat sie, wie im Nathan, [1] so auch hier nicht beabsichtigt. Wie dort gebraucht er sehr lange Perioden die längste hat 26 Zeilen, V. 18-43; dann 20 Zeilen 61-80, 125-144; 15: 46-60; 10: 81-90, 91-100, 154-163. Innerhalb dieser Perioden gebraucht er das Enjambement mit voller Freiheit. Relativa und Interrogativa stehen gerne am Ende des Verses: V. 127 'Wen von uns || fürcht der Spartaner mehr als ihn'; 130 'Wie ein Wetterstrahl, mit dem || der Donner Felsen spaltet'; 137 'Wer lud || dich auf atlant'sche Schultern'. Auf gleiche Weise werden die Conjunctionen getrennt: 54 'Wenn nunmehr || der junge Leu aus seiner Höhle tritt'; 73 'Wenn ich heut' || nur meiner Glieder Herr und meines Sohns || Gefährte wäre'. Die Praepositionen werden vom Substantiv getrennt: 58 'Und den Tiger an || der Gurgel fassen'; 70 'Hätte mir || ein holders Schicksal diese Wunden bis || zur letzten tödtlichen geborgt'. Die Adverbialpraepositionen vom Zeitwort: 33 'Sieh nicht im Zorn auf mich || herab'; 86 'In diesem Streiche rauscht der Tod auf ihn || herab'; 136 'Wer hielt rund um dich her || der Rachsucht wilden Wirbel ab'; 140 'Da sah der Feind mit grimmiger Bewundrung, starr || ihm nach'. Auch die Vergleichungspartikeln werden abgetrennt: 23 'Die besser schlau und kalt zu trotzen als || zu fechten weiss'; 29 'Bessre Götter als || die ungerechten'; 110 'Wen liebt das Glück verbuhlter als || den dreisten ... Jüngling'.

Der Antagonismus zwischen Satz und Vers findet sich schon hier, ganz ähnlich, wie im Nathan; theilweise bieten die früheren Citate Beispiele dafür dar, die ich noch vermehren will: V. 12 'Zurück, || Gedanke voller Qual'; 68 'Zu viel || auf eine Schlacht, die dennoch – –'; 71 'Wie <Seite 132:> gern || wollt' ich alsdann'; 75 'Vielleicht || dass eben itzt –'; 77 'Mich schmerzt || der Zärtliche –'; 107 'Wie leicht || steigt jene Schal' empor! Wie schwer drückt die || hernieder! –'; 112 'Das Glück || ist mir zu feind'; 129 'Dich selbst || nicht ausgenommen'.

Dieses Hineinstürmen von einem Vers in den andern verursacht auch hier, dass wie im Nathan die Personen fast durchweg in der Mitte des Verses zu sprechen beginnen, dass 18 Verse des Fragmentes unter zwei, drei unter drei Personen getheilt sind, dass ein gebrochener Vers vorn zweiten in den dritten Auftritt hinüberreicht.

Auch Wiederholungen fehlen nicht an geeigneter Stelle: V. 20 'Noch gebiet' ich hier, || hier auf Ithomens rauhen Felsen, hier, || ins zwölfte Jahr'; 35 'der du ... mehr, || unendlich mehr, mehr thatst, mehr littst, als ich'; 113 'Das Glück || ist mir zu feind, zu feind, als dass es mich || im Sohne lieben sollte'; 135 'Wer, || wer drang dir nach'.

Unter den 111 Versen des Fragmentes Fatime findet sich ein einziger Vierfüssler: V. 61 'Dich nicht verlassen, mag ich leicht'; ein Vers ist unregelmässig: V. 22 'Im eitervollen Herzen; erstickter Neid' (Darf man 'Herz' schreiben?) Die Mehrzahl der Verse, 73, sind stumpf, wie auch im Nathan die Mehrzahl den stumpfen Versen anheimfällt; sie wechseln willkürlich; im weiblichen Ausgange findet sich V. 84 'Anlass'; 85 'Fragst Du'; Hiatus wird vermieden z.B. 15 'Lieb' Euch'; 23 'Gall' und'; 46 'Aug' ist'; 72 'Sclav' auf'; von Vers zu Vers 3 Fälle des Hiatus.

Im Uebrigen wenig Unterschied vom Kleonnis; die Perioden sind kürzer; das Enjambement im gleichen Masse gehandhabt. Wir finden das Relativum getrennt: V. 49 'Verderben, das || im Hinterhalt des Doppelsinnes lau'rt'; ebenso die Conjunctionen: 69 'Wenn || ich wieder ruhig, wieder kalt soll werden'; 81 'Weil || ich leichtlich lach' –'; die Präposition vom Substantiv getrennt: 91 'Mit || gekrümmtem spitzem Adlerschnabel'; das Possesivpronomen vom Substantiv: 96 'Mein || verstelltes Täubchen'; auch die Adverbialpräposition vom Verbum getrennt: 59 'und führ || <Seite 133:> die grossen Augen langsam rund umher'. || Sogar diese Freiheit findet sich; die dann im Nathan ziemlich oft wiederkehrt, dass 'zu' vom Infinitiv losgelöst wird: V. 64 'zu || vergleichen sein'.

Auch hier sind 10 Verse unter zwei Personen, drei Verse unter 3 Personen und einer vierfach getheilt; auch hier sind die beiden Auftritte durch einen gebrochenen Vers verbunden.

Das Manuscript des Fragmentes Das Horoskop zeigt, wie sorgfältig Lessing seinen Vers feilte; einige Verse liegen in dreifacher Fassung vor. [1] Von diesen 33 Versen sind alle fünffüssig, 7 klingend; Eigennamen, wie 'Zuzi' und 'Golga', ferner das Wort 'Tartar' finden sich im weiblichen Ausgange. Hiatus ist vermieden. Einige Beispiele des freigebrauchten Enjambements will ich anführen: V. 4 'Er kehrt || sich von der Stimme'; V. 16 'als Zuzi jüngst || im Treffen blieb'; V. 20 'Ich || versteh' Euch nicht'; V. 26 'mein || Geschäft'. Die ganze Lebhaftigkeit des Dialoges im Nathan zeigt sich in dieser Scene, 6 Verse sind unter zwei, ein Vers unter drei, ein Vers unter vier Personen getheilt.

Das wichtigste unter diesen drei Fragmenten ist entschieden der Kleonnis; dass ich denselben als den ältesten Versuch Lessings im Iambus ansehe und in die Zeit von 1756-58 setze, bedarf der Rechtfertigung.

R. Boxberger in der sorgfältigen neuen Ausgabe von Lessings Fragmenten [2] reiht das Fragment in die Zeit von 1760-67 ein. Loebell [3] findet in den beiden Fragmenten Kleonnis und Fatime, wie im Spartacus, Bekanntschaft mit Shakespeare und setzt den Kleonnis zwischen 1755-58; im übrigen hat man wenig auf dieses herrliche Fragment geachtet; nur Zarncke [4] erwähnt dasselbe und ist des Verses wegen geneigt, es vor den Entwurf Fatime zu setzen.

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Die Aehnlichkeit im Stoffe zwischen Kleonnis und Philotas ist eine grosse, weniger in der eigentlichen Haupthandlung, die sich ja nur dürftig aus Lessings Aufzeichnungen errathen lässt, als vielmehr in der ausgearbeiteten Scene. Der König von Messenien Euphaes liess seinen Sohn Demaratus unter dem Schutze seines Feldherrn Aristodem zum ersten Male in den Kampf ziehen; er selbst konnte ihn nicht begleiten, er war in der letzten Schlacht verwundet worden und ist seit neun Tagen kampfunfähig. Ungeduldig erwartet er die Rückkehr desselben oder wenigstens Nachricht und quält sich mit Sorge um sein Leben; sein Freund und Feldherr Philäus sucht ihn zu beruhigen, besonders seine Zweifel an Aristodems Tapferkeit und Fürsorge zu beseitigen; das Fragment bricht ab, als der Prophet Tisis zum Könige kommt, um die Furcht des Heeres ihm zu übermitteln und ihn zu bitten, dass er Verstärkung nachsenden möge. Wahrscheinlich hätte sich im weiteren Verlaufe des Stückes herausgestellt, dass Demaratus wirklich in der Schlacht getödtet worden sei; sein Mörder aber wäre der verloren geglaubte erste Sohn des Königs Kleonnis gewesen, an dem Euphaes selbst Demarats Mord rächen will; auf den Kampf zwischen Vater und Sohn war das Stück angelegt; möglich, dass Kleonnis auch seinen Vater ermordet hätte, ohne ihn zu kennen, und dann sich selbst erst den Tod gegeben hätte.

Philotas' Vater ist verwundet, er giebt den Bitten des Sohnes nach, und lässt ihn mit seinem Feldherrn, der ebenfalls den Namen Aristodem führt, zum ersten Male in die Schlacht ziehen, in der er zu kühn allein vordringt und gefangen wird; die spätere Handlung ist zur Vergleichung unwesentlich.

Die beiden Könige sind in ihrem Charakter ähnlich; Philotas' Vater seufzte, nachdem er den Bitten des Sohnes und Aristodems nachgegeben hat: 'Wenn ich Euch nur begleiten könnte;' 'Doch es sei!' sagte er und umarmte ihn; Philotas wagt nicht am Morgen von ihm Abschied zu nehmen; 'Nur mit meinem Vater' erzählt er 'sprach ich nicht; denn ich zitterte, wenn er mich noch einmal sähe, er möchte sein Wort widerrufen'. Euphaes macht sich Vorwürfe: 'dass <Seite 135:> ich ihn so leicht aus meinen Augen liess! Zu stürm'scher Jüngling, nur noch wenig Tage, dann hätt' ich dich selbst in ersten Kampf zur Probe deines Muths begleiten können!'

Philotas kennt die zärtliche Liebe, mit der sein Vater an ihm hängt, daher muss er sich gestehen: 'Ich fürchte, ich fürchte, er liebt mich mehr, als er sein Reich liebt! Wozu wird er sich nicht verstehen, was wird ihm dein König nicht abdringen, mich aus der Gefangenschaft zu retten!' Ebenso muss Euphaes sich selber bekennen. 'Dass die Natur zum Vater mich mehr als zum König schuf! Manns zwar genug, für dich, mein Volk, an jeder Ader gern zu bluten; nur nicht Helds genug, für dich in meinem Sohne – theurer einz'ger Sohn – zu bluten.

Philotas und Demaratus sind beide an der Grenze zwischen Kindes- und Jünglingsalter; so wie Philotas sich selbst dem Strato schildert, mag man sich den 'jungen, kühnen' Demarat denken, den sein Vater in einem prachtvollen Bilde mit dem jungen Leu vergleicht, der 'dem Bär die neuen Klauen unversucht, doch keck, in Nacken' schlägt; den Philotas nennt Strato 'zu feuriger Prinz', den Demarat sein Vater 'zu stürm'scher Jüngling'. Als Philotas im letzten Auftritt sein Schwert wieder bekömmt, teuscht er den König, indem er einen Kampf fingirt; ganz ähnlich zeigt des König Euphaes' 'kranke Phantasie' den Demarat im Kampfe; in der Macht des Ausdruckes stimmen beide Parallelstellen überein.

Philotas spricht: 'Wieder umringt? – Entsetzen! – Ich bin es! Ich bin umringt! Was nun? Gefährte! Freunde! Brüder! Wo seid ihr? Alle todt? Ueberall Feinde? – Ueberall! – Hier durch, Philotas! Ha! Nimm das, Verwegener! – Und du das! – Und du das!' Euphaes spricht: 'Er ist umringt! Wo nunmehr durch? Sich Wege hauen, Kind, erfordert andre Nerven! Wage nichts! Doch wag es! Hinter dich! Bedecke schnell die offne Lende! Hoch das Schild! Umsonst!'

Schon die angeführten Beispiele beweisen, wie nahe der Ausdruck in den beiden Dramen übereinstimmt, und wie der Stil in beiden auf eben dieselbe Zeit hinweist; aber noch <Seite 136:> mehr Aehnlichkeiten im einzelnen finden sich; Philotas klagt darüber, dass seine Wunde nicht tödtlich sei: 'O, der grausamen Barmherzigkeit eines listigen Feindes! Sie ist nicht tödtlich, sagte der Arzt und glaubte mich zu trösten. – Nichtswürdiger, sie sollte tödtlich sein! – Und nur éine Wunde, nur éine!' Ebenso klagt Euphaes: 'Hätte mir ein holders Schicksal diese Wunden bis zur letzten tödtlichen geborgt!'

Philotas empfindet die Schmach der Gefangenschaft sehr tief, er meint im Gespräche mit Strato, dies werde ein ewiger Makel an ihm sein, seine künftigen Unterthanen würden ihn deswegen verachten; endlich sagt er 'Wann ich denn vor Scham sterbe und unbedauert hinab zu den Schatten schleiche, wie finster und stolz werden die Seelen der Helden bei mir vorbei ziehen, die dem Könige die Vortheile mit ihrem Leben erkaufen mussten, deren er sich als Vater für einen unwürdigen Sohn begiebt'. Einen ähnlichen Gedanken spricht Euphaes aus, wenn er sich mit seinem Ahnherrn Hercules vergleicht, 'der du im ruhigsten der Augenblicke deines Lebens mehr, unendlich mehr, mehr thatst, mehr littst, als ich in Jahren nicht gelitten und gethan, nicht thun, nicht leiden werde'; und er nennt sich dessen 'schlechten Enkel'.

Philotas sagt zu Parmenio: 'Gute Einfälle sind Geschenke des Glückes, und das Glück, weisst du wohl, beschenkt den Jüngling oft lieber als den Greis. Denn das Glück ist blind. Blind, Parmenio; stockblind gegen alles Verdienst'. Philäus sagt zu Euphaes: 'Wen liebt das Glück verbuhlter als den dreisten und von seiner Tücke noch unabgeschreckten Jüngling?' Euphaes antwortet: 'Nein, das Glück ist mir zu feind, zu feind, als dass es mich im Sohne lieben sollte!' Philäus: 'Finstrer Wahn! Das Glück ist treulos, um das Glück zu sein, und nicht uns zu verfolgen'. Strato gibt dem Philotas die Lehre: 'Der Angriff ist kein Wettrennen'; Philäus beruhigt die Ungeduld des Königs mit den Worten: 'Siegen ist kein Werk des Augenblicks'. Ein Vergleich findet sich mit einiger Nuancirung im Kleonnis wieder; Aridäus spricht: 'So wollt' es das Schicksal! Aus gleichen <Seite 137:> Wagschalen nahm es auf einmal gleiche Gewichte, und die Schalen blieben noch gleich'. Philäus spricht: 'Itzt wäge sie, die Gründe deiner Furcht, mit deiner Hoffnung Gründen ab! Wie leicht steigt jene Schal' empor! Wie schwer drückt die hernieder!' Auch das sonst nicht häufige Wort 'Geschwader' wird in beiden diesen Dramen gebraucht.

Nach alle dem scheint mir die Vermuthung von Lessings Bruder im theatralischen Nachlass ganz annehmbar, dass Lessing den Kleonnis wegen der grossen Aehnlichkeit mit dem Philotas liegen liess oder dass vielleicht Philotas gar daraus entstanden ist. Auf die letztere Vermuthung führt entschieden der Name des Feldherrn Aristodem im Philotas; für den Kleonnis fand er diesen Namen in seinen Quellen vor, [1] in den Philotas ist er aus jenem Entwurfe herübergekommen. Philotas ist im Jahre 1758 entstanden, 1759 gedruckt; vorher muss also der Plan zum Kleonnis fallen.

Auf dasselbe Resultat kommen wir auf einem andern Wege. Das Fragment Fatime, der prosaische Theil trägt das Datum '1759 Angefangen den 5. August'; kurz vorher oder kurz nachher muss auch die erhaltene Scene in fünffüssigen Iamben entstanden sein; diese weist aber eine ganz veränderte Behandlung des Verses auf als der Kleonnis, während dort alle Verse stumpf sind, mischt Lessing hier bereits klingende ein; er hat hier mit einem älteren Vorurtheile bereits gebrochen: jedenfalls muss man für eine derartige durchgreifende Wandelung einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen und ich glaube daher am besten zu thun, wenn ich das Fragment in die Zeit von 1756-58 setze.

Wenn wir nun bald nach diesem Fragmente Kleonnis aus dem engeren Kreise von Lessings Freunden, wie er in Leipzig dieselben um sich versammelte, eine Reihe von Dichtungen hervorgehen sehen, welche dieselbe Behandlung des Verses zeigen: wenn wir bei Kleist, Gleim, Weisse und Brawe zu dieser Zeit nur stumpfen Ausgang im iambischen <Seite 138:> reimlosen Fünffüssler antreffen: so dürfen wir vermuthen, dass sie alle Lessings Beispiele und Antriebe folgten. Kleists Cissides und Paches wurde wieder weiterhin tonangebend: die stumpfen Schlüsse bei Zachariae und Bürger gehen auf ihn zurück und in diesem Sinne ist es erlaubt, von einer Schule Lessings zu reden, deren Tendenzen und Versuche er selbst endlich durch seinen Nathan abschloss.

Bei Brawes Brutus, dessen Vers allein uns hier beschäftigen soll, glaubten wir schon im Cap. III eine stoffliche Beeinflussung durch den Kleonnis wahrnehmen zu können: in der äusseren Form liegt die Abhängigkeit klar und unzweifelhaft vor.

Der Brutus weist also lauter stumpfe Verse auf. Die drei Verse, welche in der Ausgabe von 1768 weiblich endigen, lassen sich leicht bessern: S. 7 'Ich seh' den Grund der Erd' empört, ich sehe' muss auch das zweite Mal 'seh'' gelesen werden; überdies geht dieser Vers auf eine Aenderung Ramlers zurück, in M. I lautet er: 'Der Stürme Zorn! der Erde Grund empört!' 67 ist 'Trophä!' statt 'Trophäe' zu lesen; 82 kann der Vers: 'Es stritt. O Nachwelt! o Jahrhundert!' ganz leicht auf einen regelmässigen stumpfen Fünffüssler gebracht werden, wenn man 'Jahrhunderte' liesst, wie es 83 mit eben derselben Betonung heisst 'Mit Ehrfurcht beugen sich verwundernde || Jahrhunderte vor jenes Brutus Grab'.

Durch eine einfache Umstellung lässt sich auch der einzige trochäisch beginnende Vers wegschaffen, wenn man liest 73 'Siehst du die Schatten dort, die Messala, || mir furchtbar nahn?' statt, wie im Texte steht, 'Siehst du dort die Schatten, die, Messala': offenbar eine Aenderung Ramlers, um die anstössige Betonung 'Méssalá' zu beseitigen, s. Anhang III.

In Bezug auf die Länge sind die Verse sehr correct, keine Sechsfüssler finden sich; einen vierfüssigen 82 habe ich bereits gebessert; auch der zweite ist leicht weggeschafft: 61 'Auf mich, ihr Götter! schüttet sie' wird wohl zu lesen sein: 'Auf mich, auf mich, ihr Götter! schüttet sie'; die <Seite 139:> wiederholten Worte können beim Drucke leicht ausgefallen sein.

Wenn in M I Zeile 94 steht: 'Ich flog zu ihm, den nur Verirrten', so ist 'Verirreten' zu lesen, wie Ramler in der Ausgabe 8 auch gesetzt hat: endlich die zwei in M II vorhandenen vierfüssigen Verse: 'Zu fliehn. Ich fodre nicht von dir'; und 'Du fliehst? In Zorn gekleidet eilt' sind Ausgabe 98 und 106 gebessert. Ein Vers bedarf noch einer kleinen Nachhilfe: 80 'Die Nacht der furchtbar'n Unterwelt schwebt über ihm' statt 'furchtbaren'.

Hiatus wird streng vermieden: 7 'Erd' empört'; ibid. 'Freud' und'; ibid. 'Getös' und'; 20 'kündg' ich'; 97 'Straf' an'; 105 'Gröss' erbaut'; 106 'Ström' und'; und das fehlerhafte 59 'dies' Umarmung'. Auf die unvollständige Gestalt, welche der Vers 106 'Vor mir. – Erzittr' Anton! Er kömmt' erhalten hat, dürfte die Vermeidung des Hiatus Einfluss genommen haben; in M II. ist der ganze Vers verderbt. Unter den 1766 Versen des Brutus sind nur sechs mit Hiatus: 7 'der grosse Untergang'; 39 'Erschütterte, in'; 66 'Hölle ist'; 73 'fesselte; und'; 81 Aufópferté? O'; 85 'héiligté? und'. Hiatus von Vers zu Vers habe ich viermal gezählt.

Der Umstand, dass lauter stumpfe Verse beabsichtigt waren, hat eine Fülle von Synkopirungen und Apokopirungen hervorgerufen, die manchmal der Härte nicht entbehren: '7 red't; 10 widerständst; ibid. Kriegs; 61 Aufenthalts; 72 Grau'n; 94 Orts; 96 bist's; ibid. bin's; 12 nenn'; 24 Stärk'; 47 sandt'; 61 tränk'; 73 Gedank'; 76 frohlock'; 107 Scen';' etc.

Die Caesur behandelt Brawe ebenso frei, wie Lessing im Nathan; man kann wohl im Brutus ganze Reihen von Versen finden, in denen Caesur nach der vierten Silbe steht, wie in Johann Elias Schlegels Iamben, oder es begegnen Gruppen von Versen, in denen die Caesur nach der sechsten Silbe fällt, wie in Kleists ersten Versuchen, so dass sie wie Alexandriner klingen, denen die letzte Silbe fehlt; neben dieser Hauptmasse der Verse trifft man aber viele, in denen <Seite 140:> man vergebens nach Caesur sucht, oder in denen sie nach der fünften oder siebenten Silbe gesetzt ist.

Wie sehr Brawe der Behandlung des Verses durch Lessing nahe gekommen ist, beweist die Länge seiner Perioden und das Enjambement.

Die längste Periode im Nathan beträgt nach Zarncke 27 Verse; die längste im Brutus 26 Verse 83 'Mit Ehrfurcht beugen – 84 So sei dein Anblick jetzt der Tyrannei'. (Die beiden Versschlüsse 84 'komm, Herr!' und 'komm, Freund!' bilden keinen Periodenschluss); ausserdem finden sich Perioden von 23 Versen 6 'Von Sorgen oft verdrängt' ff. von 22: 15-16 'Sein edelmüthig Herz' ff. 85-86 'Verzweiflung! wohin treibt' ff. von 21: 25-26 'Erwählt den Frieden' ff. von 20: 52-54 'Ich kämpfe für mein Vaterland' ff. von 19: 32-33 'Wenn die Trophäen' ff. 78-79 'Noch mehr ist dies' ff. Perioden von 18-8 Versen lassen sich ebenso nachweisen; ich führe keine Beispiele dafür an, sondern greife wie Zarncke eine Scene III. 5 heraus, um an dieser zu zeigen, wie Brawe auch längere und kürzere Perioden mischt S. 56 ff.: Die Perioden haben folgende Längen: 6, 7, 1, 2, 4, 1, 4, 8, 1, 13, 6, 8, 4, 6, 9, 3, 2, 4, 11, 1, 5, 3, 3, 1.

Innerhalb dieser Perioden gebraucht nun Brawe freies Enjambement; nicht mit der vollen Kühnheit Lessings im Nathan; doch die Einschränkungen sind ganz gering.

Subject und Prädicat werden oft weit auseinander gerissen; das Verbum vom unmittelbar folgenden Personalpronomen getrennt: fiel || ich; bin || ich; bring || ich. Das Hilfsverbum vom regierenden Verbum: 89 'Ich will || den Brutus sehn und sterben'; häufig finden sich Verbalcompositionen getrennt: 48 'Lenkt dies den Sturm, der wider Brutus sich || gerüstet hat, nicht von ihm ab'; 11 'Rebellisch bricht der schwer verdrungne Hass || hervor'; das Adjectiv von seinem Substantiv abgerissen: 45 'niedriger || Gedank'; 50 'rächende || Gerechtigkeit' 104 'geliebtester || Messala'; ibid. 'grossmüthiger || und weiser Greis'; zugleich mit dem Artikel, ziemlich oft: 43 'der heldenmüthigen || Unmenschlichkeit'; 63 'das himmlische || Gefühl'; 73 'dem unglückseligen || Be- <Seite 141:> fördrer seines Falls'; 91 'die mächtigen || Ruinen'; 95 'den reuigsten || Verbrecher'; 97 'die entsetzlichsten || Gerichte'; ibid. 'der mächtigen || Verführung'; 104 'der schwindelnde || Triumpf'; 7 'den ermordeten || und nunmehr bald gerächten Cäsar'; Pronomina vom Substantiv getrennt: 78 'dieser niedrige || Verräther'; 83 'kein || verrätherischer Sohn'; Praepositionen vom Substantiv abgetrennt: 10 'durch || der Friedensfeste Pomp'; 47 'Vor || dem Angesicht'; 90 'fruchtbar an || Verbrechern'; 97 'mit dem vollendeten || Verderben'; ibid. 'mit drohendem || Verbrechen'; 104 'Vor dies allmächtige || Gericht'; noch häufiger, wenn die Praeposition zu zwei mit und verbundenen Substantivis gehört: 77 'zu niederträchtger Ruh || und feigem Frieden'; 46 'in Gram || und Reue'; 51 'für Samnium || und Freiheit'; 104 'über Erd' und Tod || und niedrige Veränderung'; ein attributiver Genitiv wird häufig von seinem Substantiv losgerissen: 10 'des Kriegs || gefürchtet Zelt'; 16 'Tag || des Grauns'; 33 'Octavs || blutdürstge Wut'; 86 'der Natur || Entsetzen'; 87 'meiner Raserei || Vollendung'; 49 'Antons || Trophäen'; ein Participium von näheren Bestimmunen getrennt: 39 'den oft || beseufzten Tag'; 48 'In Einsamkeit || versenkt'; 51 'In Finsternis und Grau'n gekleidet'; 62 'Von dir || erfüllt'; ibid. 'den Furien || geweiht'; 73 'noch nie || empfundne Qual'; 88 'erwacht || von meiner Trunkenheit'; auch die Abtrennung von Vergleichungswörtern findet sich: 47 'minder theuer, als || dein Hass'; 106 'gleich || als ein Gewand'; 87 'gleich || der Meere Gott'; so vom Adjectiv abgetrennt fand ich nicht; die im Nathan so beliebte Abtrennung der Praeposition zu vom Infinitiv ebenfalls nicht; um vom Infinitiv selten: 18 'um wider ihn || Krieg zu empören'. Dagegen stehen die Conjunctionen, Interrogativa und Relativa mit sehr grosser Vorliebe am Schlusse eines Verses und verbinden oft eine ganze Reihe von Verszeilen enge mit einander; wenige Beispiele für viele: 10 'Er wartet, ob || dein Wink ihm, dich zu sehn, erlaubt'; 47 'wofern || du wieder wagst'; 40 'die ihn || umgaben'; 49 'wenn || du denn noch zweifeln kannst'; 52 'Götter sind es, die || den Sieg verleihn'; 57 'die Grossmuth, die || aus diesen Augen redt'; 82 'Warum ward || ... kein Blitz des Frevlers Tod'.

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Es ist für Lessings Vers im Nathan charakteristisch: erstens, dass er 'eine Hebung sei es im Anfang oder am Ende des Verses, von demselben loslöst und resp. dem vorausgehenden oder nachfolgenden Verse zutheilt'; zweitens, dass er beide Arten combinirt; drittens, dass er 'zwei solche Verstheile oder Abschnitte zu einem eigenen Ganzen' verbindet, 'wodurch nun die zweite Hälfte des ersten und die erste Hälfte des zweiten Verses zu einem eng zusammenhängenden Gliede verschmolzen werden'; viertens endlich, dass er solche Einschnitte zahlreich aufeinander folgen lässt.

In höherem Masse, als in jedem anderen Drama vor dem Nathan finden sich diese Eigenschaften in Brawes Brutus:

Erstens S. 73 'Noch nie || empfundne Qual steigt wüthend in mir auf'; 74 'Hier würgt || der wüthenden Tyrannen Schwert'; 38 'So sehr || dein unbiegsamer Stolz den meinen reizt'; 52 'Wie? noch || seh' ich den Publius in unserm Heer?'; 24 'Was bieten Lepidus, Anton, Octav || uns an?'; 41 'In unserm Lager ist || dein Sohn'; 98 'Dies Herz, in welchem du so mächtig einst || geherrscht'.

Zweitens S. 28 'So ist || dem Untergang unwiderrufbar Rom || geweiht'; 95 'Mein Wort || soll, gleich der Hölle Strömen, bang dein Ohr || durchrauschen'; 106 'Schon || entwölkt sie sich, die ganze Zukunft steht || vor mir'. 81 'Doch Rom || besiegt, durch meinen Sohn zur Sclaverei || besiegt'.

Drittens S. 59 'Vergieb || mir Marcius !'; 54 'hier erwart' || ich ihn'; 79 'Geniesst || den Anblick!'; 96 'Erhört || mich Götter! –'; 12 'Wie sehr entzückt || mich ihre Wahl!'; 43. 'den mir || die Pflicht erlaubt'.

Viertens

S. 70 Was er
An dich mir auftrug, ist vollstreckt. – Ich kehr'
Zum Kampf zurück, mit Rom zu sterben.
91 Doch
Weint nicht um mich: ich blute glorreich. Ich
War frei, und starb, ein Römer – unentweiht
Von Fesseln.
94 Du kömmst,
Frohlockender Verbrecher, im Triumph,
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Mein Sieger, her, du kömmst, mit Banden mir
Zu drohn. – Vergebens! Brutus wird, dein Sklav'
Zu sein, von Göttern nicht gehasst genug.

Hieher ist auch die sonst ungewöhnliche Art der Stichomythie zu rechnen (31):

Servilius. Ich will
Noch mehr, ich will sein Wohl.

Brutus. Für Sclaven ist
Kein Wohl.

Servilius. Und keins für die, die Bürgerblut
Bedeckt.

Brutus. Wer für Tyrannen kämpft, der ist
Kein Bürger.

Jene Lebendigkeit des Dialogs wie im Nathan dürfen wir bei unserem Dichter nicht erwarten; während also nach Zarnckes Berechnung dort jeder fünfte Vers zwischen zwei oder mehreren Personen gebrochen ist, fast jede Person in der Mitte des Verses zu sprechen beginnt, so sind unter den 1766 Versen des Brutus nur 98 unter zwei und drei Verse unter drei Personen getheilt. Dabei findet sich das Hinübergreifen eines Verses von einem Auftritte in den anderen fast häufiger als im Nathan: I. 4 (S. 10), 5 (11); II. 2 (24), 5 (38); III. 3 (52), 4 (53), 7 (65); IV. 2 (67), 3 (71), 5, 6 (75), 7 (76), 8 (80), 9 (83); V. 2 (86), 3 (90), 5 (101).

Auch Brawe liebt es, wie Lessing schon in seinen ersten iambischen Versuchen und im Nathan, an passender Stelle, besonders am Schluss des einen und zu Beginn des nächsten Verses dasselbe Wort zu wiederholen: 3 'Rom, || Rom weissagt euer Grimm den Untergang', 4 'Zürnt nicht, || ihr Helden Roms ... || ... zürnt nicht'; 5 'Rom, Rom herrscht nur in ihm'; ibid. 'Ihr Haupt ... || ihr Haupt scheint sich nicht gleich'; 13 'Treuloser! flieh, || flieh''; 20 'Mit ihm falle Rom. – || Rom, das ... Rom, das ... tyrannisch stolzes Rom'; 57 'Nein! – || Nein!'; 73 'O Gedank! || Gedank des Todes'; 105 'Von uns, || von uns Verbrechern'; 106 'Rom! || gerächtes Rom'.

Es erübrigt noch über die Betonung wenige Worte zu bemerken. Was sich alle gestatten müssen, welche den Iambus verwenden, erlaubt auch Brawe sich; über diese <Seite 144:> Grenze geht er selten hinaus; den Artikel betont er manchmal höher als das Substantiv: 5 'Thürmt dér erhöheten Gefahr sich stolz || entgegen'; 7 'Noch || schreckt dér furchtbáre Ton mein schüchtern Ohr'; 14 'Stürmt auf dén Meinéidigén'. Ausserdem wäre zu erwähnen 22 'rechtfértge' ; 82 'rechtfértigt'; ibid. 'wárum'; 88 'Wehmüthger Schmerz'.


Was der Grund der Beschränkung auf stumpfen Ausgang für Lessing gewesen, lässt sich nicht ganz sicher nachweisen. Dass er, wie J. E. Schlegel [1] den Irrthum getheilt hätte, der englische Iambus gehe nur stumpf aus, glaube ich nicht. Die Tragödien, die er las und übersetzte, mussten ihn des Gegentheiles überweisen; wahrscheinlicher ist, dass der epische Vers der Engländer, der durchwegs stumpf ist, also direct der Vers Miltons Lessingen als nachahmungswürdiges Muster erschien. Ein anderes kam hinzu. Der siebenjährige Krieg rief allerseits in dem Leipziger Freundeskreise, in Kleists Umgebung, eine erhöhte, eine kriegerische Stimmung hervor; Kleonnis und Brutus geben dieser Stimmung Ausdruck; im Cissides und Paches fand sie den heroischesten Ausdruck; im Philotas klingt sie wieder; nun schreibt Lessing in der Vorrede zu Gleims preussischen Kriegsliedern, die in vierfüssigen stumpfen Iamben geschrieben sind 1758: [2] 'Auch seine Art zu reimen, und jede Zeile mit einer männlichen Silbe zu schliessen, ist alt. In seinen Liedern aber erhält sie noch diesen Vorzug, dass man in dem durchgängig männlichen Reime, etwas dem kurzen Absetzen der kriegerischen Drommete Aehnliches zu hören glaubet'. Lessing und seine Freunde hielten also wirklich diese stumpfen Ausgänge für heldenhafter, kriegerischer. Damit mag man es vergleichen, wenn Zachariae in dem Vorberichte zu seinem Cortes (1766 S. 18) sagt, dass die männliche Endung sehr viel zu einer grösseren 'Pracht und Feierlichkeit' des Verses beiträgt, wenn Wieland Bürgers stumpfen Iambus 'das ächte, alte, natürliche, heroische Metrum unserer <Seite 145:> Sprache' nannte und 'von dem Medium seiner starken, kräftigen, ächtdeutschen Heldensprache' schrieb (Briefe von und an Bürger 1, 304, 355). Weitere Aufklärung über diese höchst merkwürdige Erscheinung vermag ich nicht zu geben.

In der Zeit von 1756-58, in der Zeit der Blüte jenes von mir im ersten Kapitel geschilderten Freundeskreises zu Leipzig hat Lessing mit allen seinen Kräften den Gebrauch des fünffüssigen Iambus in Gang zu bringen gesucht, und das ist ihm denn auch im vollsten Maasse gelungen: nur dass ihm selbst, seinem Nathan, noch die entscheidende, für alle Zeit bestimmende That vorbehalten blieb.


<Seite 129:>

[1] Vgl. Zarncke Ueber den fünffüssigen Iambus (Leipzig 1864) S. 20.
[2] Werke (Hempel) 12, 492.
[3] Werke (Hempel) 11 b, 414 f.
[4] ibid. 464-480.
[5] ibid. 348-357.
[6] ibid. 513-515.
[7] ibid. 363-367.
[8] Werke (Hempel) 8, 48.

<Seite 130:>

[1] Werke (Hempel) 7, 139.
[2] Danzel Lessing 1, 313.
[3] Werke (Hempel) 11 b, 761.
[4] ibid. 672-677.
[5] ibid. 636-644.
[6] ibid. 752-754.

<Seite 131:>

[1] Ich beziehe mich dabei auf Zarnckes Untersuchungen über den Nathan.

<Seite 133:>

[1] Werke (Hempel) 11 b, 753.
[2] ibid. 665.
[3] Loebell Die Entwicklung der deutschen Poesie von Klopstocks erstem Auftreten etc. 3, 296.
[4] Berichte über die Verhandlungen der sächs. Ges. d. W. zu Leipzig philosoph. hist. Klasse 22, 210.

<Seite 137:>

[1] Werke (Hempel) 11 b, 670 f.

<Seite 144:>

[1] Vgl. Zarncke S. 26.
[2] Werke (Hempel) 12, 393.


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