Brawe Ressourcen. Jakob Minor: Rezension (1879) zu August Sauers Brawe-Monographie
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Jakob Minor: Rezension zu August Sauer: Joachim Wilhelm von Brawe, der Schüler Lessings. In: Anzeiger für deutsches Althertum und deutsche Litteratur. Hg. von Elias Steinmeyer. Band V. Berlin 1879. S. 380-395. (Faksimile.)

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Joachim Wilhelm von Brawe der schüler Lessings. von AUGUST SAUER. Quellen und forschungen xxx. Strassburg, Trübner, 1878, 145 ss. 8°. – 3 m. [*]

Schon aus dem titel der vorliegenden monographie ersieht man, in welchen allgemeineren zusammenhang der verfasser die person seines helden gestellt hat. es ist ein beitrag zur Lessinglitteratur und gewis keiner von den geringsten. das innige verhältnis zwischen Lessing und Brawe, von dem man bisher nur obenhin wuste dass er mit Lessing in verbindung gestanden, hat <Seite 381:> Sauer überzeugend nachgewiesen. unter der hand ergab sich dem verfasser die datierung eines der wichtigsten entwürfe Lessings, des Kleonnis, welcher schon des verses halber eine chronologische fixierung wünschen liess. auch die vergleichung des fünffüssigen jambus bei lehrer und schüler hat manche feine beobachtung über den Lessingschen vers möglich gemacht. weitaus die bedeutendsten ergebnisse aber enthält das capitel, welches die litterarischen würkungen der Miss Sara Sampson eingehend, fast erschöpfend erörtert. ich komme unten darauf zurück.

Das erste capitel behandelt Brawes kurzes, nicht inhaltloses leben (s. 1-18). schon hier erweitert sich dem verfasser der gesichtskreis, als er auf die von Kleist im winter von 1757 auf 1758 veranstalteten abendgesellschaften zu reden kommt (s. 5 f). er erkennt dass es sich um mehr als eine der oberflächlichen verbindungen handelt, welche in Leipzig immer und zwischen den verschiedenartigsten schriftstellern bestanden. gerade deshalb aber möchte ich den kreis der verbundenen enger einschränken, als der verfasser es nötig findet. ChFWeisse liess man noch mitgehen; ihn konnte Lessing, der mit ihm vor einigen jahren auf vertrautem fusse gestanden und ihn noch vor kurzem mit Kleist bekannt gemacht hatte, nicht geradezu abweisen. aber schon bei Thümmel ist die teilnehmerschaft an dem bunde fraglich. Gruner erwähnt in seiner biographie Thümmels (Sämmtliche werke 7 band s. 24) wol Kleist und Weisse als freunde Thümmels, sagt aber von Lessing kein wort, was er sicher nicht unterlassen hätte, wenn er irgend eine andeutung in seinen quellen gefunden hätte. von Clodius indes ist es ganz entschieden dass er nicht mit dabei war. seine gattin sagt in der biographie ihres mannes (Neue vermischte schriften von CAClodius, VI teil) ausdrücklich: Clodius habe nach 2 jahren (1758), durch krankheit genötigt, die universität verlassen und sei auf eine zeitlang wider ins väterliche haus zurückgekehrt: 'zu seinem vorteile machte er damals (also in Zwickau) bekanntschaft mit dem dichter Kleist ... welcher ... daselbst im winterquartiere stand.' von Zwickau, nicht von Leipzig gilt auch das folgende: 'eine feurige einbildungskraft, verbunden mit einem lebhaften witze, welcher den allgemeinsten sachen eine interessante wendung zu geben wuste, blieben dem kennerauge des vortrefflichen Kleist nicht lange in dem jünglinge verborgen. er gewann ihn so lieb, dass er sein unzertrennlicher gefährte ward und in diesem zeitpuncte entwickelte sich in dem jungen Clodius das talent für die dichtung' (vgl. Jördens I 318). und ganz damit übereinstimmend erzählt CFWeisse (Selbstbiographie s. 46): 'Clodius, welcher sich nach seinen universitätsjahren dort (in Zwickau) aufhielt, begleitete ihn (Kleist) wie sein schatten.' [1]

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Aber, wenn ich auch mit Sauer den wert dieser freundschaftlichen verbindung sehr hoch anschlage, so glaube ich doch nicht dass bei ihren zusammenkünften über tragödie discutiert wurde (Sauer s. 10). Brawe scheint vielmehr in bezug auf diese interessen der einzige vertraute Lessings in Leipzig gewesen zu sein. vor seinem alten freunde Weisse verbarg Lessing alle seine beschäftigungen mit der tragödie; er schien Weissen nach der rückkehr aus Holland alles interesse am theater und an theatralischen arbeiten verloren zu haben (Selbstbiogr. 42). tatsächlich aber setzte er sich gerade um diese zeit mit seinen Berliner freunden über die Aristotelische theorie vom drama auseinander. aber auch vor Kleist muss Lessing seine pläne geheim gehalten haben, obwol er ihn zum Seneca ermunterte. denn Gleim schreibt von ihm den 17 october 1757: 'er hat nicht unrecht dass er mit seinen arbeiten so geheim ist! denn in der tat, es hilft nichts dass man viel criticos zu rate zieht' (Pröhle, Lessing 200). auch die bürgerliche Virginia schrieb er ja nach Berlin einem jungen tragikus zu. Lessing gilt deshalb in Leipzig als faullenzer und verderber seines talentes. Uz schreibt am 28 januar an Grötzner (Henneberger, Briefe von Uz an einen freund s. 82): 'Lessing, von dem der Parnass noch viel hoffen kann, wird nächstens wider ein par bände edieren, denn er hat seine anfälle der faulheit und des fleisses.' den 4 dec. 1758 (aao. s. 88): 'Lessing hat wider nichts geschrieben und er wird es auch so lange nicht tun, als ihm seine schulden ruhe lassen.' Weisse meldet am 25 juli, nachdem Lessing bereits in Berlin war, Cronegks und Brawes tod an Nicolai (Goedike, Berlinische zeitschrift 1824, II 255 ff) und fügt hinzu: 'Lessing ist nun der einzige, der die ehre der deutschen schaubühne behaupten kann. halten Sie ihn ja dazu an.' in der vorrede zum ersten band des Beitrags zum deutschen theater hält er Lessing selber öffentlich dazu an. es heisst: 'einige dieser lieblinge der muse (Cronegk und Brawe) sind in der morgenröte ihres witzes verblüht und haben uns durch ihre ersten früchte gezeiget, was für eine angenehme hoffnung wir mit ihnen verloren, andere lassen, wir wissen nicht, aus was für unglücklichen ursachen, die jahre des genies vorbeifliehen: sie schmeicheln uns mit hoffnung und lassen sie unerfüllt, bis sie die geschäfte des lebens überhäufen oder sie sich in andere sorgen verteilen – –.' unter den letzteren ist Lessing verstanden, der denn auch im 81 litteraturbriefe die antwort gibt.

Der grund, warum Lessing seine pläne so geheim hält, ist nicht schwer zu finden. er führt auf die Nicolaische preisausschreibung zurück, welche von Sauer zuerst eingehend und ihrer <Seite 383:> bedeutung würdig behandelt worden ist. Lessing wollte nämlich schon bei der ersten concurrenz den preis gewinnen; und seine ehrlichkeit gebot ihm deshalb wenigstens den Berliner freunden gegenüber seine pläne geheim zu halten. sie hätten ihn als verfasser eines fertigen stückes wol ohnedies durchgemerkt. aber sonst erlaubt sich Lessing manchen eingriff in die entscheidungen der preisrichter. am 22 oct. 1757 meldet er Moses von einem jungen menschen, der an einem trauerspiele arbeite, worunter seine Virginia verstanden ist. am 25 november hofft er in 3 wochen damit fertig zu sein und wünscht deshalb den preis hinausgeschoben. er schreibt unter diesem datum an Nicolai (Maltzahns ausg. XII 123): 'die tragödie, an der ein junger mensch hier noch arbeitet, sollen Sie in 3 wochen haben. sie verdient es, mit gedruckt zu werden (dh. mit den preisstücken). ich glaube nicht dass Sie nötig haben, den preis schon in dem vierten stücke zu erkennen; Sie dürfen nur hinten mit einfliessen lassen dass die preisstücke ehestens gedruckt werden sollen, woraus man das mehrere ersehen werde.' auch an der zweiten concurrenz wollte er sich, als er bei der ersten trotz bewilligter hinausschiebung des termines zu spät gekommen war, beteiligen. sobald er von dem tode Cronegks kenntnis erhalten hat, tritt er der ansicht der beiden anderen kunstrichter bei, welche Cronegks stück protegierten, während Lessing bisher den Freigeist hatte krönen wollen. er schrieb an Nicolai (21 januar 1758): 'da Sie unterdes eigentlich nicht wissen sollten, dass er der verfasser des Codrus gewesen, so darf Sie sein tod auch nicht abhalten, sein stück zu krönen.' er rät, den jetzigen preis zu einem zweiten zu schlagen und das nächste mal 100 rthlr auszusetzen. während aber Nicolai willens war, den zweiten preis auf ein lustspiel zu setzen, meint Lessing dass es nochmals bei einem trauerspiele bleiben müsse. was er hinzufügt, war gewis auch für Nicolai, der seinem wunsche willfahrte, ziemlich durchsichtig: 'unterdes würde mein junger tragicus fertig, von dem ich mir, nach meiner eitelkeit, viel gutes verspreche; denn er arbeitet ziemlich wie ich. er macht alle sieben tage sieben zeilen, er erweitert unaufhörlich seinen plan und streicht unaufhörlich etwas von dem schon ausgearbeiteten wider aus.'

Auch Weisse beteiligte sich an der concurrenz, aber nicht schon an der ersten (Sauer s. 10), sondern erst an der zweiten. erst 1758 wandte er sich der tragödie zu; nachdem Cronegk und Brawe gestorben waren (Selbstbiographie s. 48 f) und Lessing und Kleist Leipzig verlassen hatten. vorher scheint ihm in der umgebung grösserer talente der mut gefehlt zu haben. dass sich der plan zu Richard III aus der lectüre Shakespeares ergeben habe, ist mir nicht wahrscheinlich. Weisse selbst sagt in der vorrede zum ersten bande seines Beitrages, er 'würde es niemals gewagt haben, diesem grossen meister nachzuarbeiten und den <Seite 384:> schrecklichen zug aus dieses königs geschichte zum inhalte eines neuen trauerspiels zu machen, wenn er sich nicht zu spät daran erinnert hätte. sollte er ja bei der vergleichung zu viel verlieren, so wird man wenigstens finden dass er keinen plagiat begangen, indem das seinige fertig war, ehe er das englische gelesen; aber vielleicht wäre es ein verdienst gewesen, an Shakespeare einen plagiat zu begehen.' Lessing (im 73 st. der Dramaturgie) hält offenbar nicht viel von dieser aussage; es ist deutliche ironie, wenn er sagt: 'schon Shakespeare hatte das leben und den tod des dritten Richards auf die bühne gebracht; aber hr Weisse erinnerte sich dessen nicht eher, als bis sein werk bereits fertig war.' auch Danzel (s. 446 anm.) verwirft sie; Guhrauer dagegen traut dem ehrlichen Weisse nicht so viel verstellung zu (I 317 anm.). sicher ist dass Weisse schon damals mit Shakespeare bekannt war; er citiert bereits in der ersten ausgabe der Scherzhaften lieder (Leipzig 1758) die worte Shakespeares: these world was made for fools (vorrede). im 39 stück der Neuen erweiterungen der erkenntnis und des vergnügens (1756), welche zu Leipzig in Lankischens buchhandlung erschienen, steht (s. 193-223) der Versuch einer übersetzung einiger stellen aus Shakespeares Richard III. es sind folgende stellen: I 2; IV 4. 5, bis zum ende des fluches der herzogin von York; das gebet Richmonds aus dem V act 3 scene, die anrede der geister an Richard und sein folgender monolog. diese scenen scheint Weisse allerdings gekannt zu haben; schon der traum zu anfang seines stückes mit den geistererscheinungen weist auf Shakespeare. bei Weisse rufen die geister: 'du wirst verzweifeln, du wirst sterben!' wie bei Shakespeare: 'verzweifl' und stirb!' auch werden Vaugham, Grey und Rivers zusammen genannt, wie sie bei Shakespeare mit einander erscheinen. im III act 4 scene wirbt Richard bei Weisse um Elisabeth, wie bei Shakespeare (I 2) um Anna. dabei fallen einige reminiscenzen auf.

Richard (bei Weisse):
Allein die ursach selbst von meinen missetaten,
So schön sie immer ist, hat man dir nicht verraten –
Wenn du sie wissen willst, nur du bists, du allein!

Elisabeth:
So wünscht ich, heuchler, gleich vom blitz gerührt zu sein!

Richard (bei Shakespeare):
Ist, wer verursacht den zu frühen tod
Der zwei Plantagenets, Heinrich und Eduard,
So tadelnswert als der vollzieher nicht?
...
Eur reiz allein war ursach dieser wirkung.

Anna:
Dächt ich das, mörder, diese nägel sollten
Von meinen wangen reissen diesen reiz.

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Elisabeth spottet bei Weisse, Richard habe könig Heinrich und den prinzen Eduard nur getödtet

Damit sie hier, frei von der krone bürden
Die du so gerne trägst, des himmels bürger würden.

Anna bei Shakespeare nennt könig Heinrich gütig, mild und tugendsam (Richard bei Weisse von der gestorbenen Anna: ja sie war liebenswert, gut, edel, tugendhaft) und

Richard sagt:
So taugt er, bei des himmels herrn zu wohnen.

Anna:
Er ist im himmel, wo du niemals hinkommst.

Richard:
Er danke mir, der ihm dahin verholfen:
Er taugte für den ort, nicht für die erde.

dass die historischen voraussetzungen in Weisses stücke mit Shakespeare stimmen, beweist noch nichts. denn diese sind in einer alexandrinertragödie sehr gering; und konnten in einer historischen darstellung ebenso gefunden werden. da nun Weisses erstes stück, Eduard III, gleichfalls der englischen geschichte entnommen ist, liegt es nahe, für die beiden, in ihrer entstehung unmittelbar auf einander folgenden stücke eine quelle anzunehmen. in der tat gibt ChrHSchmid in seiner Theorie der poesie nach den neuesten grundsätzen (s. 494) an, die Britischen jahrbücher hätten den stoff zu Richard und Eduard gegeben.

Unter den durch diese preisausschreibung angeregten dichtern ist auch noch Gerstenberg zu nennen; die aufmerksamkeit, welche Codrus und der Freigeist erregten, bestimmte auch ihn, sich in diesem fache zu versuchen. er wählte die geschichte des Turnus aus Virgil zum gegenstande und zum vehikel desselben den alexandriner (vgl. Biographie HWilhelms von Gerstenberg von PGSchmidt von Lübeck im Freimüthigen 1800 nr 210, Jördens VI 166 f).

Zu den stimmen, welche den tod Brawes beklagen (Sauer s. 17), mag man hinzunehmen, was Weisse am 25 juli 1758 an Nicolai schreibt (Gödike, Berlinische zeitschrift 1824, II 255 ff): 'ebenso frühzeitig für die welt (als Cronegk) ist der verfasser des Freigeistes gestorben; ein vortrefflicher junger mensch von 18 jahren und Cronegk völlig an verdiensten gleich. unser Lessing wird ihnen sein lob besser sagen können; er war auch sein freund und dies ist schon ruhm genug für ihn. wie viel hat die tragische schaubühne der Deutschen in diesen beiden jungen leuten verloren.' [1]

<Seite 386:>

Brawe und Cronegk werden überall neben einander genannt. Kleist sah in Brawe einen deutschen Corneille voraus, Uz in Cronegk (Henneberger s. 84). die frage, ob beide nebenbuhler sich persönlich gekannt haben, ist nicht leicht abzuweisen. Uz (in der biographie Cronegks vor dessen werken) erzählt, Cronegk habe im jahre 1755 seinen freunden in Leipzig einen besuch gemacht, dort Gleim kennen gelernt und mit Weisse freundschaft geschlossen. Weisse in der Selbstbiographie (s. 23) will erst 1754 mit Cronegk bekannt geworden sein; nach einem briefe von Cronegk an Weisse, der mir handschriftlich vorliegt, ist diese angabe unrichtig. Weisse ist offenbar von Uz abhängig und, weil ihm das jahr 1755 noch in der erinnerung zu spät erschien, schob er seine bekanntwerdung mit Cronegk um eines zurück auf 1754. schon 1750-52, in welchen jahren Cronegk in Leipzig studierte, muss er mit ihm bekannt geworden sein. bei seinem besuche in Leipzig im jahre 1755 mag Cronegk dann mit Weisse engere freundschaft geschlossen haben und gewis ist er damals mit Gleim bekannt geworden (vgl. Henriette Feuerbach, Uz und Cronegk s. 126). damals kann Cronegk also gar wol auch mit Brawe zusammen getroffen sein und vielleicht dass der gedanke des Brutus länger in dem letzteren lebte als Sauer (s. 61) vermutet. denn auch in Cronegks werken (2 aufl. 1763, 2 bd. s. 336, vgl. Sauer s. 60) findet sich eine 'anrede des Brutus bei Philippi an seine freunde.'

Der kritik des Freigeist, welche Sauer (s. 28-32) gibt, pflichte ich bis auf einen punct vollständig bei. s. 28 f heisst es: 'Clerdon und Henley haben ihre diener zu vertrauten; beide diener sind tugendhaft oder beweisen sich so im stücke. ist es wahrscheinlich dass Henley, der einen so tief angelegten racheplan durchführt, den diener, dessen entsetzen er sieht, weiter einweihen wird?' aber Widston, der diener Henleys, ist weder tugendhaft, noch beweist er sich so im stücke. als ihm Henley von seinem teuflischen plane kunde gibt, sagt er: 'Clerdon ist Ihr nebenbuhler und noch mehr ein begünstigter? und Clerdon lebt noch?' und später: 'mir erweckt er grausen, der ich ein so gefälliger diener der bosheit meines herrn bin; mir, der ich verbrechen genug verübt, selbst dieses unmenschen vertrauen zu gewinnen.' Widston will durch den verrat seines herrn seine eigenen verbrechen tilgen: 'mich selbst lehrt er die vergessene menschlichkeit wider. ja, ich folge ihrem rufe, ich folge dem deinigen, o himmel! vielleicht öffnest du mir hier einen weg, alle meine verbrechen zu vergütigen.' dieser Widston gehört mit unter die typischen figuren des bürgerlichen trauerspiels, welche Sauer im vierten capitel (s. 95 ff) behandelt. schon <Seite 387:> Norton in der Miss Sara Sampson schweigt zu den verbrechen seines herrn. Mellefont: 'verfluche mich in deinem herzen; aber – verfluche auch dich ... weil du einem elenden dienst, den die erde nicht tragen sollte und weil du dich seiner verbrechen mit teilhaft gemacht hast.' in Rhynsolt und Sapphira ist Sigmund, der secretär Rhynsolts, derselbe typus. er hat die gefälschten beweise gegen Sapphiras gemahl aufgesetzt; der neue frevel macht ihm aber doch bange. er sagt (I 1): 'zu wie viel neuen lastern ist man doch gezwungen, wenn uns eine eitle hoffnung zu dem ersten verführt hat.' noch in Lessings Emilia Galotti ist Pirro, der sich den teufel bei einem haare hat fassen lassen und dadurch auf ewig sein wird (II 3), die letzte ausbildung dieses typischen characters.

Das capitel über die freigeisterei (s. 34 ff) zeugt wider von dem löblichen bestreben des verfassers, seinem speciellen thema einen allgemeineren hintergrund zu geben. nur scheint mir Sauer hiebei den vermittelnden einfluss Frankreichs nicht hoch genug angeschlagen zu haben. schon das lustspiel Die schule der freigeister, welches Sauer s. 40 treffend zum vergleiche herbeizieht, weist uns nach Paris. das freidenken ist mode geworden. 'ein starker geist, ein atheist (heisst es im Freigeist von Lessing), wie es jeder ehrliche kerl nach der mode sein muss.' daher wird die freigeisterei bei Brawe auch so oft als 'unpöbelhaftes denken' bezeichnet. in Frankreich finden wir dieselben vorstellungen über die freigeister ausgebildet, welche die deutschen dichter als poetische motive benutzen. Bayle (s. v. Desbarreaux II 296) erzählt von einem bekannten freigeist und wollüstling Desbarreaux, dass er in seiner krankheit in einem sonnette die gottheit angerufen habe. Boursault in einem briefe hielt ihm vor dass, wenn es etwas ungereimteres gebe, als keinen gott zu glauben, solches die schwachheit wäre, ihn anzurufen, ohne dass man an ihn glaubte. dazu macht Bayle die bemerkung: 'er hat grund zu sagen dass dieses die grösseste ungereimtheit wäre, wenn man sein gebet an eine gottheit richten wollte, die man nicht glaubte: allein ich weiss nicht, ob Desbarreaux diese torheit jemals begangen hat. ... mir scheint es sehr möglich zu sein dass diejenigen, welche nichts gewisses, sowol von dem dasein als nichtdasein gottes entschieden, ihm bei erblickung einer grossen gefahr gelübde tun und ihn anrufen können. nun ist dieses der zustand fast aller ungläubigen. sie zweifeln, ob ein gott ist, sie erkennen sein dasein nicht deutlich; allein sie erkennen auch nicht deutlich dass er nicht da ist. ... es ist natürlich dass dergleichen leute bei annäherung des todes die sicherste partei erwählen und ad maiorem cautelam sich der göttlichen gnade und barmherzigkeit empfehlen.' gerade so Henley im Freigeist. 'sie hoffen etwas von ihrem gebete, im falle es ein wesen gibt, das sie verstehen und erhören kann, und sie <Seite 388:> haben nichts zu befürchten, im falle es kein solches wesen gibt. ... solche freigeister wie Desbarreaux sind von demjenigen nicht sonderlich überzeugt, was sie sagen. sie haben nicht viel untersucht: sie haben etliche einwürfe gelernt, sie betäuben die welt, sie reden aus grosssprecherei und widersprechen sich in der gefahr.'

Der freigeist am sterbebette als tragische situation – und der freigeist als grossmaul in komischer situation ergaben sich daraus als motive für die dichtung.

Der freigeist am sterbebette, wozu man man den 'gottesläugner sterbend in der feldschlacht' am anfange des vierten gesanges der Messiade vergleichen mag (ausser den bei Sauer citierten stellen), ist durchaus eine erfindung der Franzosen. Bayle (s. v. Bion I 580a) erzählt: 'ich habe von einem edelmanne sagen hören, der bei dem grafen von Soissons gewesen ... dass Sainthibul, ein berufener freigeist, sich beklaget dass niemand von ihrer secte die gabe der beharrlichkeit hätte. 'sie bringen uns keine ehre', saget er 'wenn sie sich auf dem todbette sehen; sie schimpfen sich selbst, sie strafen sich lügen, sie sterben wie alle andere, mit richtig abgelegter beichte und genossenem sacramente.' er hätte noch hinzusetzen können dass sie gemeiniglich bis auf die kleinigkeiten des aberglaubens geraten.' ... Boileau hatte diesen gedanken schon (in der I satire v. 153 ff) behandelt:

Der unerschrockne mann, der vor erschrecken bebt,
Glaubt, wenn sein fieber brennt, dass gott im himmel lebt;
Er hebt die hände stets gen himmel bey dem wetter;
Doch wird der himmel klar, ist er der gröste spötter.

in diesem sinne hat JASchlegel in den Bremischen Beiträgen (II 47-69; Vermischte gedichte I 169-197) das motiv behandelt: 'der gottesläugner. an herrn Johann Andreas Cramern. 1745.' und zwei abhandlungen JACramers (Vermischte schriften. Kopenhagen und Leipzig 1757. s. 101-127), welche nach Jördens (V 829) gleichfalls in den Beiträgen sollen gedruckt sein, beschäftigen sich mit vergleichung des aberglaubens und der freygeisterei. als grosssprecher erscheint der freigeist in den gedichten Gisekes (Gärtners ausg. 303 ff). der gereiste 'freigeist' sucht alle laster, die er sieht, zu begehen, zittert aber doch insgeheim vor manchen und weiss nicht, warum? dennoch erzählt er sie prahlend in der gesellschaft. ein alter mann aber tritt ihm auf einer gasterei entgegen und nennt ihn einen prahler, wenn er lüge; wenn man ihm aber glauben solle, dann sei er gar ein bösewicht. ein anderes mal (s. 310-314) treffen sich der freigeist, der philosoph und der dichter beim wein. der freigeist beginnt zu disputieren, indem er gegen die religion loszieht. der philosoph streitet vergebens gegen ihn; die anderen alle geben dem freigeist recht. endlich wird der dichter aufgefordert zu reden, <Seite 389:> der bisher geschwiegen. er wagt es nicht mit dem freigeist zu streiten:

Denn sie sind nicht zu überzeugen.
Ein freygeist ihrer art ist meistens so gelehrt,
Dass er das gegenteil nicht hört.

Thümmel schickte im jahre 1761 folgendes (noch ungedruckte) epigramm an Weisse:

Der freygeist.

Sonst glaubt ich weder gott noch teufel
Und spötterey war stets mein zeitvertreib,
Doch itzo hebt sich aller zweifel
Durch gottes huld und durch mein weib.

wie der ausdruck freidenker nach dem englischen gebildet ist, so stammt das wort starkgeist aus dem französischen esprit fort (vgl. ausser den bei Sauer s. 34 anm. 2 citierten stellen noch Gotters Epistel über die starkgeisterei, Merkur 1773, julius s. 3-38, auf den tod des jungen Jerusalem gedichtet). La Bruyère war damals ein gelesener autor, den besonders Rabener glücklich nachahmte. in seinen Charactères de Theophraste avec les charactères ou les moeurs de ce siècle, Paris 1697, ist auch ein aufsatz über les esprits forts. Thümmel, der ihn sicher schon in seiner jugend gekannt hat, erinnerte sich noch auf dem todtenbette an diesen artikel und liess sich ihn von seinem sohne vorlesen (Thümmels leben von Gruner s. 350 ff).

Am meisten wird, wie man sieht, die freigeisterei von den Bremer beiträgern und gleichzeitigen dichtern als motiv benützt, welche dasselbe aus der französischen litteratur übernommen zu haben scheinen, wie sie ja zum teile an der übersetzung Bayles mit beteiligt sind. Lessing und Brawe halten den begriff des freigeistes schon nicht mehr so rein fest; sie verwirren ihn vielmehr durch beimischung ideal-sittlicher elemente. später schliesst sich (Sauer s. 34) an die periode der freigeisterei die genieperiode an. interessant ist es in der mitte beider geistesströmungen FrLStolbergs Lied eines freigeistes (1776) zu betrachten, welches ganz den genialen character der neuen zeit trägt. hier will der freigeist bereits hohnlachend sich unter den trümmern der welt begraben und feierlich sein possenspiel ausspielen. also nichts mehr von umkehr und reue am todtenbette.

Das dritte capitel behandelt den Brutus von Brawe [1]; das <Seite 390:> vierte, weitaus das bedeutendste, 'die litterarischen würkungen der Miss Sara Sampson'. vollständigkeit des verglichenen materials wäre bei solchen aufgaben allerdings wünschenswert, ist aber nur selten oder gar nie erreichbar. Sauer hat sich indes ein ziemlich ansehnliches contingent von bürgerlichen trauerspielen zu verschaffen gewust. nach meiner kenntnis hat er nur einige stücke Weisses übersehen, welche seine resultate aber kaum erweitert hätten. das interessanteste unter den verglichenen stücken ist Martinis Rhynsold und Sapphira. Sauer kennt nur die zweite fassung desselben (1767); auch mir war die erste nicht zugänglich. Gerstenberg schreibt im jahre 1762 an Weisse (ungedruckt): 'das trauerspiel aus H***, das die veranlassung zum 7 stück (des Hypochondristen) gegeben hat, hiess Rhynsolt und Sapphira, welches der verfasser ganz umgeschmolzen hatte und es so unserer kritik überliess, mit der er zwar nicht zufrieden war, aber doch sein stück bald darnach unterdrückte.' aus der kritik im Hypochondristen ergibt sich aber nur dass die situation im kerker (Sauer s. 81), welche in der zweiten fassung erzählt wird, in der ersten bearbeitung würklich dargestellt worden sein muss. in zwei beziehungen scheint mir dieses nunmehr ganz vergessene trauerspiel auf den schluss von Lessings Emilia Galotti eingewürkt zu haben. es ist erstlich das einzige der von Sauer behandelten bürgerlichen dramen, in welchem ein regierender fürst auftritt. um aus dem geiste und den motiven des bürgerlichen trauerspiels nicht herauszufallen, kehrt sich natürlich die polemik gegen den fürstlichen stand. so heisst es: 'warum muss doch ein fürst so oft verläugnen dass er das unglück seiner untertanen empfindet.' ... 'o ihr regenten! warum ist euch dieser reizende anblick verborgen, warum bedeckt ihn die dunkelheit der nacht!' ... 'ihr prinzen! wann wird euer unglücklichstes schicksal aufhören, dass ihr euch so oft, nichts als lerneische ungeheuer, lauter vielköpfigte schlangen in eurem busen erwärmt?' ... das stück schliesst: 'wie elend sind doch die fürsten! flössen sie furcht ein: so werden sie schrecklich und verhasst; und ist die güte ihr augenmerk: so verleitet man sie zur ungerechtigkeit oder sie werden verächtlich! ... ihr beherscher der welt! müsst ihr nicht erzittern, so oft ihr die stufen eures thrones betretet, wenn ihr menschlich seid ... Danfeld! ... Rhynsold! der getreuste untertan wird plötzlich umgebracht und der gröste bösewicht regiert mein ganzes herz und fällt erst nach so viel grausamen bubenstücken! ... verflucht sei doch der scepter, der sich gegen solche bluturteile neigen muss!' so <Seite 391:> beginnt auch sogleich Lessings Emilia Galotti mit einem seufzer des prinzen: 'klagen, nichts als klagen! bittschriften, nichts als bittschriften! – die traurigen geschäfte; und man beneidet uns noch! – das glaub' ich; wenn wir allen helfen könnten; dann wären wir zu beneiden.' später (I 6): 'ein fürst hat keinen freund! kann keinen freund haben!' wie Rhynsolt schliesst auch die Emilia mit einer klage über den fürstlichen stand, welche noch dazu ganz denselben inhalt hat, wie eine der oben citierten stellen aus Rhynsolt: 'gott! gott! ist es zum unglücke so mancher nicht genug, dass fürsten menschen sind? müssen sich auch noch teufel in ihren freund verstellen?' in der form des letzten satzes (frage mit: muss? soll? darf?) scheint mir der einfluss Rhynsolts nach der zweiten richtung zu liegen. in der Miss Sara Sampson gebraucht Lessing nur vier mal diese ausdrucksweise: 'muste er sie zu vermehren auch ein noch weiteres reich von einbildungen in ihm schaffen?' ... (I 7). 'müste mir nicht die gerechtigkeit des himmels jede seiner tränen, die ich ihm auspresste, so vermehren' ... (III 3). 'ach miss, warum haben wir so einen göttlichen mann betrüben müssen?' ... (III 5). 'warum muss mir eine plötzliche beklemmung das reden so schwer machen?' (V 4). in Rhynsolt und Sapphira hat die entrüstung überhaupt keinen anderen ausdruck als diese frageform und aus den folgenden beispielen wird man ersehen, wie nahe viele dieser ausrufe auch dem sinne nach zu Lessings schlusssatz stehen: 'tyrann! mustest du zu deiner seele noch eine menschliche gestalt bekommen?' ... 'gott! ist den falschen freunden, den bösewichtern, mein leben nicht genug! raubten sie dir nicht alles, was dich äusserlich glücklich machte; wollen sie auch noch deinen grösten stolz, wollen sie vielleicht deine tugend ihrer verfluchten wut noch aufopfern?' ... man beachte in allen diesen beispielen, wie auch bei Lessing, die steigerung der frage durch noch, auch, auch noch. ... 'muss ich noch dieses schreckliche geheimnis erfahren, um einen doppelten tod zu leiden!' ... 'so raubt man mir auch noch die freiheit! hat man die unmenschlichkeit noch nicht hoch genug getrieben?' ... 'untier! was für laster verlangst du noch? bin ich nicht schon tadelnswert, dass ich den vorsatz fasste dir zu folgen? soll ich alle ehre und pflicht vergessen, soll ich mir die strafen des himmels dadurch noch schrecklicher aufhäufen? ... gott! habe ich nicht schon deinen ganzen zorn gereizt, da ich nur zusagte, lasterhaft zu sein? muste sich denn der redlichste fürst durch seine woltaten den grösten bösewicht erzeugen?' ... übrigens ist Martinis quelle nicht Gellerts erzählung Rhynsolt und Lucia, sondern das 491 stück des Zuschauers, welches von Rhynsault und Sapphira handelt.

Der anhang enthält zuerst die 'collation der beiden ausgaben des Freigeistes' (s. 120 f), welche mir sehr entbehrlich vorkommt. <Seite 392:> zweitens die 'textgestalt des Brutus', welche der Ramlerschen änderungen und des verses wegen eingehend (s. 122-127) zu behandeln war. das capitel über den 'fünffüssigen jambus bei Lessing und Brawe' erhält seine volle bedeutung allerdings erst im zusammenhange mit einer anderen arbeit des verfassers, mit der vollständigen geschichte des reimlosen fünffüssigen jambus bis zu Lessings Nathan, welche er in den Sitzungsberichten der Wiener academie XC 625 ff veröffentlicht hat. wie in der genieperiode, ungefähr um den wendepunct des 3 und 4 viertels des 18 jhs., jeder dichter nach einer eigenen genialen maxime strebt, nach einem schlagwort, in dem er dichtet, so hat um die mitte des jahrhunderts jeder der grossen dichter seinen eigenen vers: Gottsched den alexandriner, Klopstock den hexameter, Kleist den hexameter mit der vorschlagsilbe, Lessing den fünffüssigen jambus. Klopstock und Lessing haben dabei ganz denselben ausgangspunct: beide gehen von der verwerfung des reimes aus. Lessings entwurf des Giangir in reimlosen alexandrinern (1748, vgl. Lessings werke (Hempel) XI 2, 363-7) zeigt deutlich diesen weg. Weisse in der anzeige von Lessings Philotas (Bibliothek d. sch. wiss. V 2, 311-7) wünscht ein metrum für das trauerspiel, ohne reim aber, welcher dem tragischen dichter nicht anzupreisen sei. der fünffüssige jambus habe zu wenig wahrscheinlichkeit. desgleichen sagt er in der vorrede zum Beitrag zum deutschen theater 2 teil (1763): 'wären unsere deutschen schauspieler gewohnt, trauerspiele ohne reim vorzustellen, so würde er (der verfasser) diesen unnötigen zierrat, den man allenfalls den kleinen liedern lassen muss, gleich den Engländern und Italienern gern abgeworfen haben: aber man muss sich notwendig mit einer gesellschaft verstehen, ehe man dieses wagen will, wofern man nicht bloss für den leser, sondern auch für eine schaubühne schreiben will.' schon der nächste band des Beitrages (3 teil 1764) enthält ein trauerspiel in fünffüssigen jamben (vgl. Sauer aao. 676). die kunstrichter waren damals über die verwendbarkeit dieses metrums in der tragödie schon einig, nur die praxis auf dem theater liess warten. die Befreiung ist des ungewohnten verses wegen nicht aufgeführt worden. der nächste (4) teil des Beitrages (1766) brachte trotzdem eine neue tragödie in fünffüssigen jamben, nur dass Weisse, um der declamation noch mehr abwechselung zu verschaffen, bisweilen auch weibliche ausgänge zuliess. die anzeige dieses bandes in den Hamburgischen unterhaltungen (I 455 f) bemerkt dazu: 'es freut uns auch dass der hr verf. uns wider ein trauerspiel in der versart der zehnsilbigen jamben liefert, die uns noch immer dem pathos des tragischen dialogs, auch in unserer sprache am angemessensten zu sein scheinen; ob man sich gleich (gott weiss aus welchen ursachen) zur aufführung solcher stücke noch nicht hat verstehen wollen.' diesmal aber verstand sich das theater dazu; das stück wurde am 28 januar 1767 zuerst gegeben. <Seite 393:> wie Lessing, von dem Weisse nur das echo ist, so wurde auch Schiller durch die forderung der reimfreiheit des tragischen verses auf den fünffüssigen jambus geführt. Wieland (Teutscher merkur 1782, october s. 82, 1784, märz s. 228 f. 251) empfiehlt vers und reim für die tragödie. auf seinen ausspruch hin schrieb Schiller Don Carlos in jamben (Gödekes ausg. v 1 s. 3), aber in reimfreien jamben – denn Wielands zweite forderung dass der reim zum wesen des guten dramas gehöre, wollte er so wenig unterschreiben, dass er ihn vielmehr für einen unnatürlichen luxus des französischen trauerspiels, für einen trostlosen behelf jener sprache, für einen armseligen stellvertreter des wahren wolklanges in epopöe und tragödie erklärte.

In diesem teile des anhanges datiert Sauer auch aus gründen des versmasses und aus inneren gründen den entwurf des Kleonnis. er findet den terminus ad quem – 1758 vor dem Philotas – mit grosser wahrscheinlichkeit heraus. vielleicht bin ich im stande, einen terminus a quo zu fixieren. Lessings pläne entwickeln sich in dieser zeit mit grosser zähigkeit. dasselbe motiv sucht er an den verschiedensten stoffen zur darstellung zu bringen; dann wendet er einen dieser stoffe nach einer neuen seite, dabei fällt ihm ein anderes motiv in die augen und nun wird auch dieses in den verschiedensten situationen erprobt. Cronegks Codrus regt ihn (Werke XI 2, 633-5) zu dem plane eines trauerspiels über den gleichen gegenstand an. zur selben zeit entwickelt sich das sujet der bürgerlichen Virginia in ihm, wobei er anfangs noch immer republikanische tugend des altertums, wie im Codrus zu verherlichen vor hat. in dieselbe zeit fällt ferner auch der plan zum Seneka (aao. 678 f). am 21 januar 1758 ist aus der Virginia der plan zur Emilia Galotti entstanden; ein anderes motiv an dem stoffe hat seine aufmerksamkeit gefesselt (aao. 630 f), er hat die geschichte der römischen Virginia von alle dem abgesondert, was sie für den ganzen staat interessant machte, er hielt nunmehr das schicksal einer tochter, die von ihrem vater umgebracht wird, dem ihre tugend werter ist, als ihr leben, für sich tragisch und fähig genug, die ganze seele zu erschüttern, wenn auch gleich kein umsturz der ganzen staatsverfassung darauf folgte. dieses motiv nun versuchte er gleichfalls an verschiedenen stoffen, und auf diese weise, glaube ich, bot sich ihm zuerst die geschichte des Kleonnis an. es fällt wenigstens auf dass Lessing ausser den historischen voraussetzungen nur jene situation aufzeichnet, wo Aristodemus seine des beischlafes beschuldigte tochter tödtet, ihren leib aufschneidet, und alle anwesende von ihrer unschuld augenscheinlich überzeugt. das ist ganz dasselbe motiv, welches Lessing an der Virginia so tragisch gefunden hat. dann aber ergab sich zu der zeit, als Gleim seine kriegslieder sang, Kleist den Cissides dichtete und Weisse sein grablied auf einen in der schlacht gebliebenen <Seite 394:> jungen helden, für Lessing aus demselben stoffe des Kleonnis, wenn er ihn nach einer anderen seite kehrte, leicht das motiv des Philotas: tod des jungen helden fürs vaterland. eine briefstelle, welche sich nur auf den Kleonnis beziehen kann, kommt meiner conjectur zu hilfe. Gleim schreibt am 16 april 1758 an Lessing: 'wird diese messe uns nicht Ihre bisherigen arbeiten zu lesen geben? erfreuen Sie mich doch ehe als der buchladen damit; denn ich verspreche mir ganz gewis einen neuen band und bin insonderheit nach der tragödie in jambischen versen sehr ungeduldig' (Werke XX 2, 128). also etwa januar 1758 mag sich Lessing mit dem Kleonnis beschäftigt haben; und Brawes Brutus, welcher diesen voraussetzt, kann nicht schon anfang 1757 (Sauer s. 53) begonnen sein. dem widerspricht schon was Lessing am 18 februar 1758 an Mendelssohn schreibt: 'der verfasser des Freigeist hat jetzt einen Brutus gemacht.'

Weil hier von Lessings plänen die rede ist, möchte ich eine irrige vermutung danzels, welche auch in die neue ausgabe der Lessingschen entwürfe und fragmente übergegangen ist, berichtigen. Weisse erzählt in der Selbstbiographie (s. 13), er habe mit Lessing den Spieler von Reignard übersetzt, und Danzel vermutet: 'eine übersetzung des Spielers findet sich in dem ersten bande der Schönemannschen sammlung; doch liegt der einzige grund, welcher dafür sprechen könnte dass es die Weisse-Lessingsche sei, darin dass sich von Weisse noch ein anderes stück zu Schönemann verirrt hat' (s. 107 anm.). das stück, welches sich zu Schönemann verirrt haben soll, ist die Matrone von Ephesus, von welcher KLessing (s. 64) allerdings irriger weise erzählt dass sie in Hamburg (nicht aber in Schönemanns sammlung) gedruckt worden sei. in der Schönemannschen Schaubühne (Goedeke 550) sucht man sie deshalb auch vergebens. [1]

Die 'höchst elende' sammlung, in welcher das stück nach Weisses angabe in der vorrede zur 2 auflage des Beitrages (II) zuerst gedruckt sein soll, ist nicht die Schönemannsche, sondern die Sebastianische, deren voller titel lautet: Sammlung neuer schauspiele, so wie sie auf dem Sebastianischen schauplatze aufgeführt worden. erster band. Augsburg, bei Cletts witwe, 27 1/2 bogen, in gr.-8°. die anzeige in der Allg. d. bibl. I 1, 297 (1765) sagt: 'die Matrone von Ephesus ist ein stück, das einer unserer besten köpfe in sehr jungen jahren gemacht, und es vermutlich itzt, ohnerachtet es nicht ganz schlecht ist, seiner nicht würdig hält, weil er es seinen Beiträgen zum theater nicht einverleibt hat. aber wie sehr geschieht diesem stücke nicht unrecht, dass es zwischen den abscheulichen übersetzungen und <Seite 395:> originalem unsinn herumziehender comödianten stehen muss.' für die autorschaft Lessings spricht also bei der Reignard-übersetzung in der Schönemannischen Schaubühne nichts. bei der übersetzung des Catilina von Crebillon (Hempel XI 2, 512 ff) ist die autorschaft Lessings durch eine briefstelle gesichert. aber nach Weiz, Gelehrtes Sachsen s. 267, soll auch Weisse den Catilina übersetzt haben; und Lindner in seinem Verzeichnis der schriften Weisses (Iphofen, Weissens leben s. 95) setzt als erste nummer an: 'mit Gotth. Ephr. Lessing: Catilina, ein trauerspiel von Crebillon. aus dem franz. Dresden (175.) 8°.' auch der anfang der Weisseschen übersetzung der Geheiligten andachtsübungen der frau Rowe (herausgeg. von Watts. aus dem engl. Erfurt 1754 gr. 8°) wird daselbst Lessing zugeschrieben; die autorität, welche diesen angaben zu grunde liegt, ist mir nicht bekannt.

Berlin 18. 1. 79.

JAKOB MINOR.


<Seite 380:>

<Seite 381:>

[1] das gedicht von Michaelis (Sauer s. 7 anm. 5) kann nicht an Weisse gerichtet sein, da von ihm immer in der dritten person die rede ist, <Seite 382:> während die zweite person für den adressaten gebraucht wird. auch konnte man Weissen im jahre 1769, wo er schon mehr als zuviel geschrieben hatte, nicht mehr zurufen: 'schreib auch! und mehr als sie, weil alles schreiben will.'

<Seite 385:>

[1] Weisse ist auch, wie Sauer richtig vermutet (aao. anm. 1), der recensent der trauerspiele in der Bibliothek der wissenschaften; trotzdem die recension nicht mit Chr. unterzeichnet ist. denn ausserdem dass die characteristik, welche Weisse dort von seinem verstorbenen freunde gibt, mit der in der Selbstbiographie (s. 47, Sauer 16) vollkommen übereinstimmt, <Seite 386:> begeht Weisse in der Bibliothek denselben fehler, wie in der oben von mir beigezogenen stelle: er nimmt hier wie dort an dass Brawe mit 18 jahren gestorben sei, während er doch über zwanzig war.

<Seite 389:>

[1] dr Sauer macht mich noch rechtzeitig darauf aufmerksam dass die fabel von Brawes Brutus durchaus nicht originell, sondern fast ganz aus Bodmers epischem gedicht 'der Noah' entlehnt ist. Wieland hatte (Werke, Hempels ausgabe, 40 band s. 391 ff) auf die schönheiten derselben aufmerksam gemacht und bei Selim, welcher der lieblingsfigur unseres dichters (Marcus) entspricht, ausgerufen: 'wider ein neuer und sonderbarer character!' daher also wol die anregung. – noch bestimmter als in den Räubern (Sauer s. 119) knüpft Schiller in dem entwurfe zu einem zweiten teile derselben (Gödeke xv 1, 133 ff) an das thema des verwandtenmordes <Seite 390:> an. es heisst dort: 'ein parricida muss begangen werden, fragt sich von welcher art. vater tödtet den sohn oder die tochter. bruder liebt und tödtet die schwester, vater tödtet ihn. vater liebt die braut des sohnes. bruder tödtet den bräutigam der schwester. sohn verrät oder tödtet den vater.'

<Seite 394:>

[1] den angaben KLessings liegt ein aufsatz Weisses über Lessings studentenjahre und aufenthalt in Leipzig zu grunde, den er durch Garves vermittelung für KLessing schrieb, vgl. Briefe von Garve an Weisse I 421. 383 f. 388. 394 f. 404 f. II 137. 145.

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