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Sechster Auftritt.

Publius, Marcius.

Publius.
Der stolze Geist, wie er gebietrisch spricht!
Gleich einem Gott, der durch Orakel schreckt.
Nah, Stunde seines Falls! nah Rächerinn!
Wo er, der hochgethürmte Held, der sich
Im prächtgen Traum schon den Olymp versprach,
Gebückt im Staube fleht – du, Marcius,
Vollführst die große That – Ja, heute noch
Kömt über ihn durch dich der Untergang. –
Doch welcher Gram entstellt die düstre Stirn?
Du schweigest? – Thränen selbst? – Treuloser! flieh,
Flieh, eh mein Zorn das niedre Herz durchbohrt,
Das Brutus Schicksaal rührt – Gedenkst Du nicht
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Des Eids, den du in jener furchtbarn Nacht
Im Hain, den Furien geweiht, mir schwurst?
Schwurst du dem Brutus nicht, nicht seinem Heer
Den Untergang? drohn nicht Verwünschungen,
Vor denen der Altar, der sie gehört,
Erbebte, dir, wenn du den Meyneid wagst,
Wenn du ihr Drohn verhöhnst? Ihr hörtet sie,
Ihr Eumeniden, und du, Herscherinn
Des Reichs der ewgen Nacht, du Hekate!
Euch ruft zur Rache die Entheiligung.
Mit aller Furchtbarkeit der Unterwelt
Gerüstet, stürmt auf den Meyneidigen.
Es muß in trunkner Wut sein eigner Arm
Sein Mörder seyn! Verzweiflung sey sein Blick.
Wenn er jetzt stirbt – Sein Vater wird es sehn,
Und, nun gerächt, euch danken.

Marcius.
Zähme, Herr,
Noch fodert ihn kein Meyneid, deinen Zorn.
Doch kenntest du den, dessen Fall dein Haß
Von mir begehrt: wie gern verziehst du mir,
Daß sich zur schauervollen That mein Geist
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Mit Beben naht. – Ich ehrte dein Gebot.
Von Wut berauscht, die du in mir entflammt,
Eilt' ich zum Brutus, gleich als dränge mich
Die Liebe Roms, das Heer zu fliehn, für das
Mein Vater stritt. Ein mir getreues Glück,
Das Ehr und Sieg an mir verschwendete,
Erwarb mir alsobald des Brutus Gunst.
Mir ward von ihm ein großer Theil des Heers
Vertraut – Wie wenig wußt' er, daß er selbst
Zu seinem Fall mich besser rüstete!
Ich ward gerührt. Der Tugend Majestät,
Die sich in ihm in vollem Pomp enthüllt,
Gebot Bewunderung. So göttlich groß
Der Held sich in ihm zeigt, wenn ihn Gefahr
Und Kampf und naher Tod zu Wundern weckt:
So groß und größer noch erscheint der Mensch.
Sein edelmüthig Herz weint in der Still,
Wenn er von Bürgersiegen kömmt, und haßt
Den Ruhm, haßt die Bewunderung, die ihn
Hartnäckiger verfolgt.

Publius.
Versöhnst du so
Den Zorn, den deine Weichlichkeit gereizt,
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Vermeßner? sprichst du durch dieß freche Lob
Noch meinem Hasse Hohn? Ruft nicht das Blut,
Das in dir glüht, zur Rache dich? War es
In jenem Krieg', als Roms unmenschlich Joch
Italien zum alten Muthe zwang,
Nicht Brutus Vater, der mein ganz Geschlecht
Vertilgte, weil es nicht der Römer Stolz
Vergötternd ehrte, weil in ihm der Geist
Des freyen Samniums erwachte? – Tag
Des Grauns! Verhaßter Tag! als dieser Held,
Mein Vater, und um ihn ein blühend Chor
Ihm gleicher Söhne von dem stolzen Beil,
Das schon so oft vom Mord der Edelsten
Geraucht, ertödtet fielen, als mich selbst
Die glückliche Verachtung kaum erhielt,
Die meine Kindheit traf, als mich das Blut
Des Vaters überfloß, und Rache bat.
O Tag! Nein, dich vergeß ich nie – Und du
Unwürdiger! kannst ihn vergessen? Du?
Seh ich den Sohn in dir? Seh ich den Feind?
Willst du mich rächen? Sprich!

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Marcius.
Ich will! bald sollst
Du dich gerächt, des Brutus Untergang –
Und meinen sehn. – zu edelmüthger Held!
Ach! wüßtest du, daß der, den du so oft
Als Freund umarmst, für deine Güte dir
Verderben droht! O Brutus! o mein Freund!

Publius.
Du klagst um ihn? Gedenk an jenen Freund,
Den dir sein mörderischer Dolch entriß;
An ihn, dem du, wenn dich der Krieger ehrt,
Wenn Sieg und Glanz dich krönt, es schuldig bist,
Und der, als Herr der Erde, Sohn dich hieß,
An Cäsarn! War es Tugend, daß dein Held,
Dein Brutus, den erhabnen Feind, dem er
Sein Leben dankt, mit Mord belohnete?
Noch seh ich ihn, wie er in trunkner Wut
Sich dem Diktator naht. Die Majestät
Der hohen Stirn, vor der mit Ehrfurcht sich
Der Erdkreis beugt, der Blick voll Zärtlichkeit,
Den sein verrathner Freund dem Mörder gab,
(Denn Cäsar liebt' ihn) selbst der Name Sohn,
Der süße Ton der Wehmuth selbst, womit
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Er sprach, nichts wehrt ihm: – römisch stolz, daß er
Ein Unmensch ist, schwingt er den blutgen Dolch
Und fodert Ruhm. – Mit Schaudern sahe dieß
Die trauernde Natur. – Und wirst auch du
Dem Cäsar ungetreu? Ist das Geschick
Von diesem Helden, nur Unwürdige
Zu lieben? Nein, dein erster Muth lebt auf.
Dein Aug' entbrennt, spricht nichts gemeines mehr.
Umarme mich, mein Sohn! ja, du rächst mich
Und Cäsarn. Dich entehrt ein Meyneid nie.

Marcius.
Mein Arm vollführt, was dir mein Schwur verhieß.
Doch sollte nicht ein Frieden –

Publius.
Hoffe nichts.
Nur deinen Muth zu stärken komm' ich her.
Ich, Frieden? – Nein! so lange Publius
Den Tag erblickt, hoft Brutus ihn umsonst.
Eh eilt' ich selbst zu jenen Völkern hin,
Die Eis und Nacht umgiebt, um wider ihn
Krieg zu empören – das, was meine List
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Anbieten wird, muß er verwerfen. – Dieß
Reizt wider ihn vielleicht den Haß des Heers.
Entferne dich. Ich fürchte den Verdacht,
Der nie bey Feinden schläft. – Bald folg ich dir.

(Marcius geht ab)


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